Sexualität und das verborgene Wirken des Patriarchats.
- Roger Spiess

- 20. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Ich gebe es zu. Ich habe die Zeichen übersehen.
Und so kam es zum Aufstand mitten in unserem Seminar „S.L.O.W. – Sexuality in and or Community”.
Wir wussten, dass Langsamkeit eine eigene Energie und Dynamik hat, die Gefühle, Emotionen und Verborgenes sehr leicht ans Licht bringen kann. Mehr noch als wenn wir uns im gewohnten Tempo bewegen. Oder, um es mit den Worten einer Teilnehmerin zu sagen: „auf der Autobahn dahinrasen” und bei der nächsten Ausfahrt wieder raus. Nun, vielleicht war es tatsächlich die Langsamkeit, vielleicht auch die Zusammensetzung der Teilnehmenden. Oder alles zusammen. Ich weiß es nicht.

Die Frauen und Personen, die sich als weiblich lesen, verweigerten sich plötzlich. Es war ein Aufschrei, den ich heute noch in meinen Ohren habe. Als die erste Welle der Verweigerung langsam verebbte, wurde mir klar, dass ich Zeichen übersehen hatte, die mir eigentlich schon lange bekannt waren: die versteckten, aber umso wirkungsvolleren Dynamiken des Patriarchats. Wir alle distanzieren uns von patriarchalen Strukturen, wenden sie jedoch unbewusst immer wieder an, weil wir es in den meisten Fällen nie anders gelernt haben.
Die Verfügbarkeit von Frauen und weiblich lesenden Personen.
Der jagende Mann und männlich lesende Personen.
Sexuelle Identität ist binär und nur hier gibt es Sexualität. Alles andere ist widernatürlich.
Die meisten Frauen und weiblich lesende Personen sind körperlich schwächer als Männer und männlich lesende Personen.
Die allermeisten Männer und männlich lesende Personen sind stärker als Frauen und weiblich lesende Personen.
Gaslighting
Mansplaining
Darvo (Abkürzung für die Praxis, bei der Täter die Opfer für ihre Taten schuldig sprechen). „Deny, Attack, Reverse, Victim and Offender”)
Über-Anpassung
Monogamie
... und vieles mehr.
Dabei hielten wir uns in diesem Seminar auch hart an all die Regeln, die uns dabei helfen, eine schöne, nährende und erfüllte Sexualität zu gestalten. Sich selbst füh
Und auch in diesem Seminar hielten wir uns an die Regeln, die uns dabei helfen, eine schöne, nährende und erfüllte Sexualität zu gestalten. Dazu gehören: sich selbst fühlen und wahrnehmen, Präsenz und Bewusstheit, Konsens etablieren, Wünsche und Bedürfnisse aussprechen, Ich-Form-Sprache und das Erkennen von Mikroaggressionen bei sich selbst.
All diese Dinge reichen jedoch nicht aus, wenn sie nur rituell immer und immer wieder zelebriert werden, ohne dass sie wirklich gefühlt werden. Alle „sexpositiven” und tantrischen Räume verlieren ihren Wert, wenn sie in diesen Räumen oder „Tempeln” bleiben und nicht in unsere Wirklichkeit, in die Realität unseres Alltags, einfließen.
Die erste Arbeit für mich beginnt dort, wo wir uns unserer Bewegungen und Haltungen gegenüber anderen Menschen bewusst werden. Es macht keinen Sinn, sexpositive Räume, Tempel, Sexarbeiter:innen und Tantramassagen zu besuchen, wenn kein Bewusstsein dafür besteht, weshalb diese Bedürfnisse vorhanden sind. Was ist es, das nach Liebe, Geborgenheit und Sexualität sucht? Warum wird sie bei anderen und nicht bei sich selbst gesucht? Wo finde ich Liebe? Bei mir selbst, bei anderen oder bei dem Menschen, der mir Liebe zeigt?
Die Wunden, die das Patriarchat in uns allen gerissen hat, sind tief und noch weit davon entfernt, geheilt zu sein. Wir sind auf dem Weg, ja, und vieles wurde schon verändert. Und doch sind die Wellen der Wucht, die das Patriarchat auf uns ausgeübt hat, noch nicht verklungen.
Ich werde meine Seminare anpassen. Mit Fühlen. Hören. Sehen. Sich selbst, die anderen und das, was zwischen uns ist. Im Jetzt. In unserer ureigenen Sexualität, unberührt von den Ideen und Machtkräften anderer. Ich. Du. Wir.
Mein Video zum Thema:






Es ist für mich Nachvollziehbar, dass Dies, was Geschildert wird, Mit dem Patriarchat zu tun hat. Und zudem kann dies aber vermutlich auch als Ausrede gebraucht werden. Man denkt, man müsse irgendetwas in sich auflösen, anstatt dass man sich fragt, was man anders machen muss. Männergruppen und Trennung zwischen den Geschlechtern in Ehren. Aber meist dient dies ja dann doch einfach wieder dem, dass die Männer bei den Frauen besser landen wollen. Ich erschliesse mir jetzt meine Männlichkeit oder hinterfrage sie und wachse dabei innerlich, um erfolgreicher zu sein bei den Frauen. Ich fand die Schwulensauna die bessere Erfahrung. Da geht es nur um männliche Sexualität und sonst nichts. Und übrigens gar nicht so stark ums Penetrieren. Schwule und bisexuelle Männer…
Wow - das klingt grossartig- ich erlebe mit einem Mann, der auch sehr herzoffen und ohne erwartung zweisamkeit leben kann - dass Langsamkeit wie schichten von verletzungen hoch bringen - und prozesse in gang kommen ohne viel dazu zu tun. Mit genug achtssmkeit fühlt sich das wie traumaarbeit an in der praxis - Ein geschenk wenn wir menschen finden die dafür offen sind und bereit sind sich auch in ihrer verletzlichlichkeit zu zeigen. 🙏🥰 danke fürs Teilen der erfahrungen/erkenntnisse dieses wertvollen seminars KS