Körper vs Verstand
- Roger Spiess

- 19. Okt.
- 3 Min. Lesezeit
Es ist schön für mich, immer mehr zu lesen wie wichtig es ist, eine gute Verbindung zum eigenen Körper zu haben.
Genau diese tiefe Verbindung zum eigenen Spüren ist seit vielen Jahren der Kernpunkt meiner Arbeit für eine gesunde und erfüllte Sexualität.
So oft in meinen Sitzungen mit Menschen, war genau dies schlussendlich die Heilung so vieler Leiden: Sich selber spüren. Sich selber zuhören. Sich selber ernst nehmen.

Und es ist nie so, dass der Körper verlernt hat, sich spürbar zu machen. Und es ist auch nicht so, dass der Körper auch nur einen kurzen Moment schweigen würde. Nein, genau so wie unser Verstand, kommuniziert unser Körper ununterbrochen mit uns. Es gibt keinen einzigen Moment in unserem Leben, in dem es nicht auch ein Gefühl dazu gibt.
Die Gedanken sind nicht lauter als unsere Gefühle. Und sie sind nicht stiller. Sie kennen diese Abstufungen nicht.
Wir haben schlichtweg einfach gelernt, eher auf unsere Gedanken zu hören, als auf unsere Gefühle. Weil unsere Erziehung uns lehrt: Ich kann nicht einfach etwas nicht mögen, ich muss wissen, weshalb ich es nicht mag. Ich kann nicht einfach keine Lust haben, oder Wut oder Angst, ohne zu wissen weshalb. Nur der Verstand schiebt uns die Erklärungen nach, die es unseren Mitmenschen vereinfacht, uns zu verstehen. Weil: alles hat seinen Grund.
«Ich mag heute einfach nicht zur Arbeit gehen, und ich weiss nicht weshalb», geht nicht und wird auch nicht akzeptiert. «Ich mag heute nicht zur Arbeit gehen, weil ich Fieber und Grippe habe», funktioniert einwandfrei.
Was ist passiert? Das Gefühl alleine hat keine Berechtigung zu sein, weil es keine Logik hat. Nur die Logik welche jedmensch auch nachvollziehen kann gilt.
Und dabei geht so oft vergessen:
Dass die Gefühle nicht einfach kommunizieren, sondern immer auf einer tiefen Intuition und Körperweisheit gründet.
Es ist diese Verbindung zum Körper, die uns erst den Zugang zur Körperweisheit ermöglicht.
Natürlich kann auch unser Verstand ein sehr hohes Mass an Weisheit und Wissen aneignen. Nur, dieses Wissen ist kein personifiziertes ur-eigenes Wissen. Es ist das wie schon beschrieben angeeignete, gelernte und irgendwann verinnerlichte Wissen die wir Glaubenssätze nennen.
Das ist unbestritten ein gutes Wissen und der Boden unseres Wohlstandes.
Dagegen steht das Körperwissen, welches unser eigenes tiefes Wissen ist, angesammelt und weitergegeben in unserer DNA seit Jahrtausenden.
Ich kann mich erinnern, als ich mich in einer kleinen persönlichen Mutprobe so nahe an den Rand eines Abgrundes stellte, dass meine Zehen die Kante berührten. Vor mir ging es geschätzte tausend Meter in die Tiefe.
Ich hielt es nicht den Bruchteil einer Sekunde aus, und spürte wie sich mein Bauch schockartig zusammenzog, mein Atem stoppte und mein Herz in Angst schlagartig einfror. Mein Beine traten von sich selbst aus drei Schritte zurück und ohne mein Zutun gaben sie langsam unter mir nach, bis ich auf dem Boden sass. Erst da begann mein Nervensystem sich langsam zu beruhigen.
Und es war nicht, dass sich an diesem Rand stehend mein Verstand einschaltete, der mir sagte: «Hier zu stehen birgt das Risiko runterzufallen und zu sterben weil die Fallgeschwindigkeit und Distanz zum Grund genügen, unsere Knochen zu zerschmettern.»
Das ist der Unterschied zwischen verkörperter Weisheit und erlernter Weisheit.
Beide sind wichtig. Jedes auf seine Art.
Das Schöne daran: Wir haben immer eine Wahl. Denn Kopf und Verstand, und Körper und Gefühle sprechen immer mit uns. Und es ist gut beide in die Hände zu nehmen, sie zu betrachten, und dann zu entscheiden, welcher Kraft du diesmal folgen willst.
Vor allem in der Sexualität ist dieses Wissen das grosse Fundament für die eigene Gesundheit und des sich ernst nehmens. Ernst nehmen vor allem im Bereich der eigenen Grenzen setzen ist dies Voraussetzung.
Wenn dein Atem stockt, dein Herz in Angst einfriert, ein unergründlich schlechtes Gefühl sich in deinen Bauch schleicht, und deine Beine eigentlich weg gehen möchten, dann reagiere und folge deinen Beinen oder gib dem was in dir ist Ausdruck in einem Nein – auch wenn da gar kein Abgrund ist, und nichts wovor du dich fürchten müsstest. Wenn du nämlich im Aussen beginnst zu suchen, was es ist, das dir Angst oder schwierige Gefühle bereitet, hast du deine Verbindung zum Körper schon aufgegeben. Vertraue Deiner Körperweisheit.

Später kannst du das was du erlebt hast auch kognitiv aufarbeiten, dazu ist es nie zu spät. Ein Körpergefühl zu übergehen, lässt sich jedoch oft im Nachhinein nicht mehr bearbeiten oder ändern. Hier gibt es ein zu spät.
Dein Leben, deine Gefühle und dein Körper sind wichtig.






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