Eine Welt ohne Sexarbeit? Oder die Gewalt gegen Sexarbeiter*innen die ihren Job aus Liebe und Berufung ausüben.
- Roger Spiess

- 21. Okt.
- 7 Min. Lesezeit
(Please scroll for english)
Sexarbeit als illegal zu erklären, übergibt diese zwangsläufig auch unweigerlich der Kriminalisierung. So gut es gemeint ist, Sexarbeit zu verbieten ‹um die Sexarbeiter*innen zu retten›, so wirkungsvoll werden die Sexarbeiter*innen dadurch wieder der organisierten Kriminalität zugeführt. Wer die unzähligen Studien, die dies belegen nicht sehen will, will die Realität nicht sehen.
Das ist das eine.
Das andere ist die Gewalt die gegen diejenigen Sexarbeiter*innen ausgeübt wird, welche aus freier Entscheidung und Liebe zum Beruf Sexarbeiter*innen geworden sind. Ja, die gibt es auch! Zwar gibt es keine verlässlichen und erhärteten Zahlen dazu, wie viele Menschen freiwillig oder unfreiwillig in der Sexarbeit tätig sind. Nur ist auffallend, dass vor allem Gegner*innen der Sexarbeit diese Freiwilligkeit überhaupt völlig bestreiten. Und hier liegt die Gewalt darin, dass diese Sexarbeiter*innen nicht oder viel zu wenig gehört und auch respektiert werden als Menschen im Vollbesitz ihrer Urteilsfähigkeit und Lebensgestaltung. Das ist Gewalt. Und immer wieder habe ich das Gefühl, dass die Gesellschaft versucht sie durch Ignoranz unsichtbar zu machen. Auch das ist Gewalt.

Und: es ist unbestritten, dass auch Männer wie Frauen in finanzielle Not geraten können und oftmals keine andere Möglichkeit mehr sehen, als durch Sexarbeit Geld zu verdienen. Es stehen diesen Menschen schlichtweg keine Alternativen zur Verfügung. Nur die Sexarbeit steht allen per sofort zur Verfügung. Diese Not gibt es, auch hier in der Schweiz.
Wenn also die Sexarbeit verboten wird, verlieren im selben Zug die Sexarbeiter*innen jegliche Verhandlungsmacht und die Möglichkeit, Schutz bei den Behörden zu finden.
Auch die gesellschaftliche Gesundheit leidet, denn der Zugang zu Gesundheitsdiensten wie HIV und STI Tests wie auch der Zugang zu deren Behandlung wird sehr stark erschwert oder gar unmöglich, da die Betroffenen eine Kriminalisierung befürchten müssen.
Das kann mittel bis langfristig zu einem Anstieg sexuell übertragbarer Krankheiten in der Gesamtbevölkerung führen. Denn: Sexarbeit konnte nie, in keiner Gesellschaft wirklich verboten werden, selbst dann nicht, wenn darauf die Todesstrafe galt. Es wird immer Freier/Klienten geben, welche die Sexarbeit am Leben erhalten, und es wird immer Sexarbeiter*innen geben, die ihrem Beruf aus Freude und Interessiertheit nachgehen.
Ihre psychische Belastung steigert sich in die Angst vor Entdeckung, Verhaftung und bei Migrant*innen auch Abschiebung. Misstrauen gegenüber staatlichen Gesundheits- und Hilfangeboten nimmt zu und fördert das Abtauchen in den Untergrund, und somit wieder in die Hände jener kriminellen Energien für die menschliche Würde kein Begriff ist.
Und an diesem Ort gewinnen auch die Freier/Kunden wieder mehr Macht über die Sexarbeiter*innen, was wiederum zu höherer Gewaltbereitschaft, Nötigung und dem Drücken der Preise zur Folge hat. Denn sie wissen: die Sexarbeiter*innen können sich nirgends Hilfe holen.
Auf der Seite der Freier/Kunden, sieht es nicht besser aus:
Für Personen, deren sexuelle Präferenzen, Fetische oder Bedarf (z. B. Menschen mit bestimmten Behinderungen oder psychischen Hemmungen) außerhalb der regulären Partnerschaft ausgelebt wurden, könnte das Fehlen der Sexarbeit den Druck auf Partnerschaften und Familien erhöhen.
Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen würde nicht verschwinden, sondern sich höchstwahrscheinlich in riskante Bereiche verlagern. Mögliche Folgen könnten sein:
Zunahme sexueller Übergriffe/Gewalt: Einige Studien befürchten, dass das Fehlen einer "legalen" (oder zumindest tolerierten) Sexarbeit die Hemmschwelle für sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen und anderen vulnerablen Gruppen in der Allgemeinbevölkerung senken könnte, da keine künstlichen Ventile mehr existieren. (Die wissenschaftliche Beweislage hierfür ist jedoch nicht eindeutig, was auch darauf hindeutet, dass diesem Phänomen leider immer noch nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird).
Zunahme illegaler und unkontrollierter Online-Angebote: Die Nachfrage würde sich in düstere Ecken des Internets verlagern, was die Kontrolle und den Opferschutz weiter erschwert.
Mangelnde Befriedigung spezifischer Bedürfnisse: Sexarbeit erfüllt auch die Bedürfnisse von Menschen, die Intimität oder spezifische Dienstleistungen benötigen (z. B. sexuelle Assistenz für Menschen mit Behinderung) und diese im privaten Umfeld nicht finden. Diese Bedürfnisse würden unbefriedigt bleiben oder in ungesunde Kanäle abdriften.
Es gab in der Menschheitsgeschichte keine Gesellschaft und auch keine Zeiten ohne Sexarbeit. Dies zeigt klar auf: Sexualität ist zu wichtig und zu existenziell für Menschen.
Die Sexarbeit übernimmt somit eine weitere wichtige Funktion für das Allgemeinwohl: Sie erfüllt die wichtige Bestimmung der WHO, in der jeder Mensch ein Recht auf seine Sexualität hat. Sexarbeit ermöglicht Menschen sich in ihrer Sexualität ohne Bewertung oder Verurteilung zu entdecken, erforschen und zu erleben. Sie bietet sichere Räume für tabuisierte Sexualität an, die so wichtig für eine gesunde Gesellschaft ist.

Und sie ermöglicht es vielen Sexarbeiter*innen ihre Berufung und Liebe zu diesem Beruf auszuüben. Nicht viele Therapien bieten so viel an, wie es Sexarbeiter*innen tun: Berührung, körperliche Nähe und Geborgenheit, das Annehmen all der verschiedenen sexuellen Wünsche ohne diese zu be- oder verurteilen. Welche gängigen Therapien in unserer Welt können auch diese so wichtigen Aspekte unserer körperlichen wie psychischen Gesundheit anbieten? Keine.
Es geht hier sehr oft vergessen, dass die Sexarbeit das volle Potenzial zur Erfüllung sehr wichtiger psychosexueller Bedürfnisse hat, die auf keinen Fall unterschätzt werden sollten.
Danke fürs lesen.
©Roger Spiess ergänzt durch Gemini Feedback
ENGLISH:
Declaring sex work illegal inevitably criminalizes it. As well-intentioned as it is to ban sex work "to save sex workers," it effectively redirects sex workers back to organized crime. Anyone who doesn't want to see the countless studies that prove this doesn't want to see the reality.
That's one thing.
The other is the violence perpetrated against those sex workers who have become sex workers of their own free will and love for their profession. Yes, that exists too! While there are no reliable and substantiated figures on how many people are engaged in sex work, voluntarily or involuntarily, it's striking that opponents of sex work in particular completely deny this voluntary nature. And the violence here lies in the fact that these sex workers are not, or are far too little, heard and respected as people in full possession of their capacity for judgment and to shape their lives. That is violence. And again and again, I have the feeling that society is trying to make them invisible through ignorance. That, too, is violence.
This image best reflects the people I meet in sex work. This image is AI-generated and does not depict real people. Any resemblance to real people is coincidental.
This image best reflects the people I meet in sex work. This image is AI-generated and does not depict real people. Any resemblance to real people is coincidental.
And: it is undisputed that men and women can also fall into financial hardship and often see no other option than to earn money through sex work. These people simply have no alternatives. Only sex work is immediately available to everyone. This hardship exists, even here in Switzerland.
If sex work is banned, sex workers simultaneously lose all negotiating power and the opportunity to seek protection from the authorities.
Social health also suffers, as access to health services such as HIV and STI testing, as well as access to treatment, becomes extremely difficult or even impossible, as those affected fear criminalization.
In the medium to long term, this could lead to an increase in sexually transmitted diseases in the general population. After all, sex work could never be truly banned in any society, even if it carried the death penalty. There will always be clients who keep sex work alive, and there will always be sex workers who pursue their profession out of joy and interest.
Their psychological stress escalates into fear of discovery, arrest, and, in the case of migrants, deportation. Distrust of state health and assistance services increases, encouraging them to go underground and thus fall back into the hands of those criminal forces for whom human dignity is beyond the pale.
And in this place, the clients/customers also gain more power over the sex workers, which in turn leads to increased violence, coercion, and price-cutting. Because they know that the sex workers have nowhere to turn for help.
On the client/customer side, the situation is no better:
For individuals whose sexual preferences, fetishes, or needs (e.g., people with certain disabilities or psychological inhibitions) were acted out outside of regular relationships, the lack of sex work could increase pressure on relationships and families.
The demand for sexual services would not disappear, but would most likely shift to risky areas. Possible consequences could include:
Increase in sexual assault/violence: Some studies fear that the lack of "legal" (or at least tolerated) sex work could lower the inhibition threshold for sexualized violence against women and other vulnerable groups in the general population, as artificial outlets no longer exist. (However, the scientific evidence for this is inconclusive, which also suggests that this phenomenon unfortunately still receives insufficient attention.)
Increase in illegal and uncontrolled online offerings: Demand would shift to dark corners of the internet, further complicating monitoring and victim protection.
Lack of satisfaction of specific needs: Sex work also fulfills the needs of people who require intimacy or specific services (e.g., sexual assistance for people with disabilities) and cannot find them in their private lives. These needs would remain unmet or drift into unhealthy channels.
There has never been a society or era in human history without sex work. This clearly demonstrates that sexuality is too important and too existential for people.
Sex work thus assumes another important function for the common good: It fulfills the important WHO definition that every person has a right to their sexuality. Sex work enables people to discover, explore, and experience their sexuality without judgment or condemnation. It offers safe spaces for taboo sexuality, which is so important for a healthy society.
And it enables many sex workers to practice their calling and love for this profession. Not many therapies offer as much as sex workers do: touch, physical closeness, and security, the acceptance of all different sexual desires without judging or condemning them. Which common therapies in our world can also offer these very important aspects of our physical and mental health? None.
It is very often forgotten here that sex work has the full potential to fulfill very important psychosexual needs, which should not be underestimated under any circumstances.
Thank you for your time and reading.
©Roger Spiess in cooperation with Gemini Feedbacks






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