Die unsichtbare Arbeit: Warum Sexual Emotional Labor die wahre Herausforderung der Sexarbeit ist.
- Roger Spiess

- 7. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. März
Wenn es um Sexarbeit geht, ist das gesellschaftliche Urteil meist schon gefällt, bevor das erste Wort gewechselt wurde. Entweder sind Sexarbeiter*innen die armen, ausgenützten Opfer, oft aufgrund fehlender Intelligenz und ohne gute Ausbildung, oder von kriminellen Organisationen zu dieser Arbeit entführt oder gezwungen - oder sie sind sehr geschäftstüchtige Unternehmer*innen, die sich nicht scheuen diese Menschen auszunützen.
(Zur Klarheit: Ich spreche hier NICHT von Human trafficking und Zwangsprostitution. Diese Felder sind klar kriminell und strafbar und werden von der Justiz auch verfolgt und verurteilt. Das ist gut so.
Ich spreche hier von Sexarbeiter*innen, die hier in der Schweiz ihren legalen! Beruf freiwillig und durch freie Wahl ausüben).

Diese Vorurteile haben sich tief im gesellschaftlichen Narrativ eingegraben, dass kaum noch Raum für andere Erkenntnisse bleibt.. Und so wird die Realität der Sexarbeit selbst zum Opfer. Denn Sexarbeit ist unbestritten eine hochgradig anspruchsvolle Tätigkeit, deren Anforderungen weit über viele klassische Therapieformen hinausgehen.
Mehr als nur körperliche Präsenz:
Es ist nicht nur, dass sich Sexarbeiter*innen 'ganz' einem Klienten und seinen Wünschen und Bedürfnissen öffnet ohne Bewertung oder Verurteilung. Nein, diese Arbeit stellt darüber hinaus eine hohe Anforderung an die psychische Steuerung und energetische Präsenz dar. Ich kenne das aus meiner eigenen Arbeit sehr gut: Es ist nicht nur der Raum von Empathie und energetischer Verbindung zur etablierung von Sicherheit und Geborgenheit, es ist auch die körperliche Erlaubnis diese Verbindung auf physischer Ebene erleben zu dürfen, Nähe und Intimität nicht nur zu wissen, sondern auch erleben zu dürfen. Ich bin nicht nur Präsent, sondern ich öffne auch das 'Sexual Emotional Labor' für meine Klient*innen: Ich bin ganz, in meiner vollen Person und allem was mich ausmacht da. Und ich übernehme einen grossen Teil an einer Erfahrung, die für uns Menschen von hoher Wichtigkeit ist: Du bist nicht nur 'theoretisch/energetisch' willkommen, sondern auch physisch, körperlich, sexuell und somit als ganzer Mensch. Diese Brücke zu schlagen, erfordert einen enormen psychologischen Effort.
Die Spaltung zwischen Ich und Persona:
Das Phänomen Sexual Emotional Labor wurde zuerst in den Beziehungsmustern von Paaren entdeckt und erforscht. Es bezeichnet
Verhaltensweisen, bei denen eigene sexuelle Bedürfnisse, Gefühle oder Lust zurückgestellt werden, um das Wohlbefinden, die Lust oder das Ego des Partners zu fördern. Im Kontext mit der Sexarbeit geschieht genau dasselbe, und zwar, dass hier eine Spaltung geschaffen wird zwischen dem Ich und einer beruflichen Persona. Und dabei entsteht eine nicht zu unterschätzende Belastung in der Sexarbeit wie in Beziehungen, die durch das schauspielern (Performing Pleasure) entsteht: Die Performing Pleasure ist keine Lüge, sondern klar eine hochspezialisierte emotionale Regulation, um einzig und allein dem/der Klient*in einen willkommenen und so sicheren Raum zu ermöglichen, in dem er oder sie so sein darf wie sie sind. Das ist eine hohe Leistung. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass eine Session in diesen Formen dann umso tiefer und 'erfolgreicher' wird, umso mehr ich in mir meine Liebe und Anziehung zur Klientin oder dem Klienten auch spüren und übertragen kann. Ja, in der Session selbst kann ein Zustand eintreten, der mich glauben macht, dass hier tiefe Verbindung geschieht. Nur ist dies ein riesiger Kraftakt, die nur für eine begrenzte Zeit stehen kann, weil sie viel Energie nimmt und noch lange nachwirken kann.
Auch für mich begannen intensive Wochen mit vielen Sessions vermeintlich ganz entspannt, denn ich liebe diese Arbeit sehr. Erst später spürte ich, wie gross die mentale Belastung dieser Arbeit sein kann. Auch ich hatte keinen Ort wo ich offen und im Vertrauen auf Diskretion mich mitteilen konnte. Das schwierige dabei: Gewöhnt man sich an diese Spaltung, und hat keine Möglichkeit diese zu reflektieren und auch aufzuarbeiten, wird sie mit der Zeit die Kommunikation und ja, sogar überhaupt ein wirklich authentisches Empfinden und Selbstwahrnehmen zerstören. Wir fühlen dann unsere Gefühle nicht mehr, oder fühlen sie, aber können sie nicht einordnen.
Dieser Ablauf ist das Karussell, das irgendwann zu einer Dissoziation führen kann, die ich sogar eine Zeitlang als wohltuend interpretiert hatte: "Ich liebe meinen Job!" Dabei habe ich die Vereinsamung des Ichs, des Körpers und meiner beruflichen Persona gar nicht wahrgenommen. Und damit ist der Boden für einen sehr gut möglichen Burnout in der Zukunft etabliert.
Die Wucht der Stigmatisierung als Gewaltform:
Sexual Emotional Labor öffnet natürlich auch die Türen für all die Energien welche Klient*innen mitbringen: Ihre Ängste, Hoffnungen, Leiden, Trauer, Einsamkeit und vor allem ihre Traumata. Wo kann eine/ein Sexarbeiter*in diese Energien aufarbeiten und reflektieren? Ihre Peer, die selbst diesen Energien zu oft hilflos ausgesetzt ist, wird kaum einen sicheren Raum bieten können, ausser dem, dass diese Ohnmacht tatsächlich das Sexarbeiterleben nunmal beherrscht.
Ich habe so oft in mir gespürt, wie sehr ich nach mehreren Sessions mit Sexarbeit ausgelaugt, leer und müde war. Und dabei habe ich mich in keinem Moment nur körperlich oder kognitiv angestrengt. Die Erschöpfung entsprang vielmehr aus einer emotional-energetischen Überbeanspruchung. Und: es ist die Erschöpfung eines Menschen, der zu viel gehalten hat, ohne selbst gehalten zu werden. Das ist wichtig - und das ist immer noch nicht alles. Ein Psychotherapeut, der ähnlichen Energien ausgesetzt ist, jedoch in seiner professionellen Welt immer auch Inter- und Supervisionskreise in Anspruch nehmen kann und nimmt, ist auch keinen gesellschaftlichen Stigmen ausgesetzt. Diesen Stigmen sind Sexarbeiter*Innen noch zusätzlich ausgesetzt, und genau diese bilden wahrscheinlich den grössten Stressfaktor in ihrer Arbeit. Diese Stressfaktoren sind zB die ständige Wachsamkeit (Hypervigilanz): Wem darf ich was erzählen? Wie muss ich mich verstecken? Was muss ich tun, damit niemand herausfindet, was ich mache? - Wenn sich die Gesellschaft Sorgen darüber macht, dass Sexarbeiter*innen Opfer sind, dann müssen sie konsequenterweise auch sehen, was sie mit dieser Haltung der Verurteilung diesen Menschen antut. Es grenzt aus meiner Sicht an eine Form von Gewalt. Und bis auf wenige Organisationen, die sich wirklich hinter die Sexarbeit stellen, ist auch niemand da, den Sexarbeiter*innen auch in diesem Punkt support zu geben. In diesem Thema hat auch die Politik völlig versagt. Ich betrachte dieses versagen sogar als eine politische Katastrophe.
Die moralische Verurteilung und die energetische Wucht der Stigmatisierung belastet viel mehr, als die sexuelle Arbeit mit Menschen es kann.
Es erübrigt sich wohl, noch darauf hinzuweisen, dass ein Prostitutionsverbot nur wieder der gesellschaftliche Versuch einer moralischen Heldentat darstellt, und zugleich dieselbe Gesellschaft aber durch ihre Haltung das Leben von Sexarbeiter*innen tief und übergriffig verletzt.
Intellektuelle Tiefe statt Vorurteile:
Und immer noch nicht genug an Unterstellungen und falschen Ansichten: das Vorurteil der Ungebildetheit. Ich habe in meiner Zeit als Sexarbeiter erst meine emotionale Intelligenz entdeckt und geschult. Ich habe mir auch im Laufe der Zeit einiges an psychologischem Wissen angeeignet, damit ich überhaupt meinen Klient*innen auf einer guten Ebene begegnen konnte. In meinem Sexarbeiter*innenkreis besitzt die Mehrheit eine fundiert sexuelle Ausbildung, sei es Sexualpädagogisch, -therapeutisch oder auf Tantra-Ebene. In den Zeiten, wo ich selber, zwar nicht als Sexarbeiter, aber in anderer Funktion Zeit in Bordellen verbracht habe, sass ich vor allem mit Studentinnen in der Küche oder dem Warteraum, und unsere Gespräche waren immer wieder tief philosophischer Natur. Das waren Nächte und Abende an die ich gerne zurückdenke.
Warum Supervision die Antwort ist:

Was in psychologischen Berufen und für Psychotherapeuten und Psychiater selbstverständlich und sogar Bedingung für Qualitätssicherung und nachhatlig für die psychische Gesundheit bedeutet, fehlt in der Sexarbeit, die an Herausforderungen so einiges mehr stellt, völlig: Orte wo Reflekion, Themen und Belastungen fachlich begleitet werden. Die Supervision.
Wir sind nicht dann gute Therapeuten oder Sexarbeitende, wenn wir uns in der Schlaufe des ewigen Gebens verlieren. Wenn wir für andere Räume halten, brauchen wir selbst einen Raum, in dem wir gehalten werden. Ohne Psychohygiene gibt es keine nachhaltige Entwicklung. Das ist meine Motivation, diese Supervisionskreise für Sexarbeiterinnen und alternativ arbeitende Therapeutinnen in die Welt zu bringen.
Ich danke dir für das Lesen.
Über den Autor: Roger Spiess arbeitete selbst Jahre im Feld der Sexarbeit und mit Methoden der Surrogat-Therapie. Heute begleitet er in seinen Supervisionskreisen Menschen in helfenden und heilenden Berufen.
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