Die Emanzipation des Cis-Mannes: Von alten Rollen zu neuen Identitäten. Eine Geschichte.
- Roger Spiess

- 30. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Als ich vor 25 Jahren begann, tantrische und sexpositive Räume zu besuchen, fühlte ich mich zwei Erfahrungen ausgesetzt:
Als Mann – damals kämpfte sich der Begriff „Cis” erst langsam in die allgemeine Sprache – war ich in der Minderheit und gleichzeitig auch Hahn im Korb in all den tantrischen Räumen die ich besuchte. Das Verhältnis zwischen Cis Frauen und weiblich lesende Personen und den Männern war damals etwa 10:1.
(Cis: lat.: Diesseits. Das Gegenteil ist Trans: lat.: jenseits. Der deutsche Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch erschuf 1991 den Begriff Cissexualität, der sich später zu Cis abwandelte. Vor allem die prominente amerikanische Professorin und Trans-Aktivistin Susan Stryker trieb diesen Begriff in den 1990er Jahren in akademischen Kreisen stark voran.)
Vor allem Tantra interessierte die Männer damals nicht. So wie sie jegliche Sexual- oder Paartherapie nicht brauchten, weil sie bis anhin mit ihrer Sexualität 'zufrieden' waren, so brauchten sie noch weniger irgendwelche spirituell angehauchten Ratschläge wie sie dem Tantra damals noch angedichtet wurde.

Die weiblich lesenden Personen und Cis Frauen freuten sich auf all die Übungen, egal, ob mit männlich oder weiblich lesenden Personen. Anders ging es ja auch gar nicht.
Mit den Jahren änderte sich das langsam. Vor ungefähr etwas mehr als zehn Jahren war es schließlich so weit: Ich erinnerte mich an die Freude einer Seminarleiterin, die feststellte, dass der Anteil weiblich und männlich lesender Personen wie auch Cis Frauen und Männern ausgeglichen war. Das war damals erwähnenswert.

Seither ist der Männeranteil stetig gewachsen, sodass er heute den Anteil der weiblich lesenden Personen immer öfter übersteigt.
Hier beobachte ich seit Jahren zwei Entwicklungen:
Zum einen, die Männer, allen voran Cis Männer, sind interessiert an einem anderen Umgang mit Sexualität, sowohl mit sich selbst als auch mit Partner:innen. Das ist schön.
Zum andern, der Druck bei Cis Frauen und zum Teil auch bei weiblich lesenden Personen, vor allem sexuell anzukommen, hat trotzdem zugenommen. Immer wieder stellte ich fest, dass viele Männer unsere tantrischen und sexpositiven Räume eher als Dating-Plattform betrachteten und brauchten, als einen Raum in dem es möglich sein soll, für sich Erfahrungen machen zu können, um sich selbst auch weiter zu entwickeln. Ich glaube, Männer befinden sich vermehrt in einer Sexual- und Berührungsvereinsamung, aus verschiedenen Gründen, die noch dadurch verschlimmert wird, weil sie sich als nicht liebenswürdig und Verlierer ansehen aufgrund toxischer gesellschaftlicher Rollenbilder, denn ein erfolgreicher Mann hat auch eine erfolgreiche Beziehung und eine glückliche Partnerin. Oder noch besser: Ehefrau. Die immer mehr aufkommenden Incels Gruppen und ihr Hass auf Frauen sind zB die aggressive Reaktion auf dieses Phänomen.
Und es gibt noch eine weitere, wichtige Erklärung für den Überschuss an cis Männern.
Cis-Frauen und weiblich lesende Personen bleiben den Seminaren und Events fern, weil sie keine Lust mehr haben, sich den auf sie fokussierten männlichen Energien ausgesetzt zu fühlen.
Diese Wahrnehmung kann ich nicht auf Studien oder andere Untersuchungen stützen, sondern nur auf meine Erfahrungen.
Im Vorfeld meiner tantrischen, sexpositiven und die Sexualität erforschenden Seminare und Workshops erhielt ich in der Folge vermehrt E-Mails und DMs von Cis Männern mit der Frage, ob die Veranstaltung auch weiblich und männlich ausgeglichen sei. Denn sie hätten bei einem Männerüberschuss keine Lust, mit Männern Übungen zu machen.
Von cis Frauen und weiblich lesenden Personen erhielt ich zugleich vermehrt dieselbe Frage, aber notabene nicht aus homophoben Gründen. Sie machten sich Sorgen um die fokussierte Energie, der sie ausgesetzt sind, wenn es zu wenige Frauen und weiblich lesende Personen und zu viele Cis Männer in einem Raum gibt. Der Stress ist für sie wird dann zu groß.
Diesen Stress gibt es. Denn genau diesen Stress erlebte ich immer wieder unter den Frauen und weiblich lesenden Personen. Am deutlichsten zeigt sich dieser kaum zu beschreibende Stress dann, wenn ich in Workshops und Seminaren eine bestimmtes Setting durchführe. Nämlich, dass wenn die Männer und männlich lesenden Personen sich in bestimmten Übungen mit sich selbst beschäftigten, untereinander Zärtlichkeiten austauschen und die Frauen und weiblich lesenden Personen einmal zweitrangig werden.
Das Aufatmen der Frauen wird unüberhörbar, das Genießen dieser Auszeit von den „Abcheck-Radar-Energien” der Männer spürbar und die Dankbarkeit, in diesem Überangebot an sexuellen Einladungen der cis Männer mal durchatmen zu können, füllt den Raum immer mit großer Entspanntheit.

Das zeigt sehr klar auf, dass Frauen und weiblich lesende Personen in einer Welt leben, in der die sexuellen Angebote von Cis Männern konstant hoch und bis auf wenige Ausnahmen allgegenwärtig ist. Ob im Tram, in einer Bar, in einem Club oder eben, in tantrischen oder sexpositiven Räumen.
In diesem Überangebot ist es für viele Cis Frauen und weiblich lesende Personen nicht mehr möglich, ein eigenes Begehren, ja eigene Bedürfnisse zu entwickeln.
Und so blieben die Frauen und weiblich lesenden Personen den gemischten Seminaren und Workshops immer mehr fern, und zogen sich verständlicherweise in die stressfreien Räume von Frauen und Flinta Gruppen zurück. Dieses Männerüberschuss Phänomen höre ich auch von vielen andern, auch internationalen Facilitators ebenfalls.
Vielen Männern die ich kenne, gefiel diese Entwicklung der sich befreienden Frauen und weiblich lesenden Personen gar nicht.
"Das ist nicht der Weg, um in Frieden zusammenzuleben"....
"Trennung hilft niemandem"....
"die Frauen wenden sich damit von uns Männern ab".... etc.
Darin sprach wohl auch die Angst, dass vor auch die Cis Frauen beginnen, sich der vom Patriarchat eingepflanzten Frauenrollen und vor allem der 'Verfügbarkeit' immer mehr zu entziehen.
Und was diese Männer damals übersahen und zum Teil immer noch übersehen ist: Erst wenn mensch sich in sich selbst mit der eigenen sexuellen Identität verbunden hat, wird es möglich auch in eine gesunde und verbundene Begegnung mit andern Menschen zu gehen. Und um dies zu erreichen, sind Gruppen unter Gleichge-schönlich-en Personen unerlässlich.

Damit die Cis Männer und männlich lesenden Personen wieder ihren eigenen Boden und Identität finden können, dürfen sie sich zuerst vom Patriarchat und der darauf gründenden Sozialisierung emanzipieren. Denn genau dies begannen die Frauen und Flintas schon seit den 60er Jahren des letzten Jahrtausends.
Das steht dringend an.
Der Feminist und Maskulinist, oder, was gibt es für Cis Männer und männlich lesende Personen zu tun?
Nun, sie dürfen sich von überholten, traditionellen Rollenbildern emanzipieren, die ihnen schaden. Diese Rollenbilder zwingen Männer oft in ein enges Korsett aus Erwartungen, das ihre persönliche Entfaltung, ihre emotionale Gesundheit und ihre Beziehungen beeinträchtigt.
Diese stereotypen Vorstellungen, die oft unter dem Begriff toxische Männlichkeit zusammengefasst werden, verlangen vom Mann:
Stärke und emotionale Kontrolle wie: Keine Schwäche und keine oder nur wenig Gefühle zeigen. Sondern weniger mit Wut/Aggression oder passiver Aggression handeln, dafür mit Verständnis und Empathie.
Sich nicht mehr an Erfolg, Leistung und Einkommen messen und bewerten, sondern an Mitgefühlsvermögen und Eigenwahrnehmung der eigenen Gefühle.
Die eigene Gesundheit ernst nehmen in dem auch auf körperliche Zeichen gehört wird, und Mann sich so auch in seinem Sein ernster nimmt. 'Indianer kennen den Schmerz.'
Weil die Folgen dieser veralteten Rollenbilder oft gravierend sind:
Unterdrückung von Emotionen kann zu psychischen Problemen wie Depressionen, Suchterkrankungen, Gewaltausbrüchen und einer höheren Selbstmordrate führen.
Die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, erschwert den Aufbau tiefer, emotionaler Beziehungen zu Partnern, Kindern und Freunden.
Und, aus meiner Sicht eine der gravierendsten Aussagen der patriarchalen Gesetze für den Cis Mann: Sexualität geschieht nur und alleine zwischen Cis Männern und Cis Frauen. Alle andern Formen, inklusive Masturbation sind widernatürlich. Es gibt also für den sozialisierten Cis Mann keine andere Möglichkeit für Sex als den mit einer Frau. Das ist ein massiver Übergriff in die Privatgefühle eines jeden Menschen, denn diese Aussage stimmt schlichtweg nicht. Die Sexualität ist in ihrem Wesen zu vielschichtig, als dass sie sich in eine Idee oder Vorstellung zwängen liesse. Dadurch wird die Sexualität des Cis Mannes ist massiv eingeschränkt und dies ist das einzig Widernatürliche in diesem Kontext. Dies verhindert auch die Liebe und Verbindung zum wahren MannSein überhaupt: Wer mit Homophobie jegliche Nähe im Aussen zu Cis und männlich lesenden Personen unterbindet, unterbindet zugleich auch die Verbindung zum eigenen Mann in sich. So wie ein Cis Mann andere Männer wahrnimmt und beurteilt, so nimmt und beurteilt er auch den Mann in sich selbst. So kommt keine Verbindung zu sich selbst zustande, in der Gefühle wahrnehmbar werden könnten.
Die Emanzipation von diesen Zwängen ist für Männer genauso wichtig wie die Emanzipation, welche die Feministinnen schon in den 60ern des letzten Jahrtausends für die Frauen und weiblich lesenden Personen begannen. Es ist Zeit, dass sich die Cis Männer von gesellschaftlichen und sozialen Zwängen ebenfalls emanzipieren. Ich freue mich auf die männlichen Emanzen.
Ohne KI. Text aus dem Herz geschrieben.
©RogerSpiess






Kommentare