Die Angst vor der Verbundenheit: Vom kollektiven Narzissmus zur Philophobie.
- Roger Spiess

- 9. Nov.
- 3 Min. Lesezeit
Ja, ich suche nach dem tiefsten Grund, weshalb wir Menschen so miteinander umgehen, wie wir es jetzt tun.
Und ich ahne, dass ich es in diesem Leben wohl nicht mehr finden werde.
Und doch ist es kein verschwendetes Leben.
Wo stehen wir:
Da ist diese unausgesprochene tiefe existenzielle Angst des Nihilismus, des Nichts. Die Angst welche sich aus diesem Gedanken schürt und fragt: was, wenn nach meinem Tod alles so ist wie meine Erinnerung an die Zeit vor meiner Geburt, nämlich: Nichts?
Das Nichts auszuhalten übersteigt wohl das Denkvermögen des Menschen (noch). Und weil Ungewissheit der beste Nährboden für die Angst ist, muss dieses Nichts gefüllt werden. Mit Kultur, Religion, Wissenschaft und Sinngebung.
Und weil es um die Existenz geht, wird in all diesen Glaubens- und Wissensrichtungen eng an Spielraum. Alles was mich und meine Welt in Frage stellen könnte ist gefährlich und könnte mir meinen Sinn des Lebens stehlen oder zerstören oder gar den meiner Peer, meiner Community, meiner Nation.
Um zu überleben muss ich mich, und meine Gemeinschaft uns von anders denkenden oder fühlenden Menschen abtrennen. Und sehr oft bleibt es nicht nur bei der Abtrennung, sondern eine fremde Gruppe oder fremdes Gedankengut wird durch Abwertung und Verurteilung dazu genutzt, seine eigene Berechtigung des eigenen Gedankenguts zu bestätigen, ja zu beweisen.
So sehen sich sehr viele Menschen, Gruppierungen und ja, ganze Nationen als moralisch andern überlegen und gleichzeitig als Opfer, während andere abgewertet werden. Diese Handlungen gründen praktisch immer auf Selbstüberschätzung und sind dadurch aus psychologischer Sicht Schutzmechanismen: Die Angst, dass man selbst oder die eigene Gruppe unbedeutet sein könnte. Genau dies führt zu Trennung, Konflikten und mangelnde Kooperation.

Wir können hier sagen, auch wenn es schmerzt, dass wir uns voneinander und von der Natur durch dieses Verhalten extrem entfremdet haben. Ich erfahre mein Handeln und die Klimakrise als getrennt, ich kenne den Ursprung des Reises nicht, den ich esse, und die digitale Welt schafft genau die Entfremdung zwischen mir und meinen Mitmenschen hinter der Maske der Vernetzung. Aber: Vernetzung ist nicht Verbindung weder im psychologischen noch philosophischen Sinne.
Und so folgert unweigerlich das, was wir Menschen nicht anerkennen wollen: Wir sind in der ständigen Verdrängung der kollektiven(!) Schattenseiten – Gier, Aggression, Destruktivität, Rassismus und Misstrauen. Weil diese Dinge jedoch nicht einfach ‹tot zu denken› sind, übertragen wir Menschen diese aus der Verdrängung auf alle andern Menschen die anders sind. Jetzt haben wir in unseren Feinden, den Fremden und den Bösen die Schuldigen aller Schatten und dem Schlechten gefunden. All das Böse hat in diesen Schuldigen einen Platz gefunden, nämlich nicht in mir, sondern in den Kriminellen, Immigranten, Andersdenkenden, Anderfühlenden. Was nicht in meiner

Gruppe ist, ist gegen mich und unsere Welt.
Solange wir das nicht sehen, dass das, was wir im Aussen bekämpfen nur unsere eigene Unfähigkeit ist, das wahre Leben zu sehen, zu akzeptieren und zu leben, solange sind wir in einem Krieg gegen unsere eigene Natur, den wir so nicht gewinnen werden.
Wäre ich der Therapeut für die ganze Menschheit, wäre meine Diagnose: Die Menschheit leidet unter schwerer Philophobie.
Die Menschheit hat grosse Angst vor echter Beziehung und echter Verbindung zu uns selbst und andern Wesen die diesen Planeten bewohnen. Weil dann das eigene Denken, Fühlen und Ansichten in Gefahr kommen könnten. Diese Angst ist so gross, dass es in unserem Zusammenleben immer wieder zu Konflikten kommt, in der 2er Beziehung, unter Gruppen und unter Nationen, dermassen, dass es sogar zu Kriegen kommt, die auf nichts anderem als dieser elenden Beziehungsunfähigkeit der Menschheit basieren.
Was ist also zu tun?

Ich kann hier nur das einbringen: Wenn du an einem Ort in deiner Kosmologie lebst, wo deine Sicht auf die Welt die einzig richtige ist, wo deine Gedanken die schlussendlich einzige Wahrheit sind, und du das Gefühl hast, Gott applaudiert dir, und du dadurch auf Reflektion verzichten kannst – wenn andere an dem Schuld sind, wie die Welt heute ist, und du andern Menschen deine dunklen Seiten auflegst und nicht selbst dafür Verantwortung übernimmst, dann lade ich dich ein, diese Welt zu verlassen und ausserhalb davon anderen Menschen zu begegnen. Wirklich zu begegnen. Ohne Konzept. Ohne Projektion. Ohne Meinung. Dafür mit dem Gefühl, dass wir uns alle aus der Unendlichkeit des Universums hier, auf dieser Erdkugel, zu diesem Zeitpunkt getroffen haben. Was für eine Schönheit hierin liegt. Siehst du sie? So lernen wir Beziehung und Nähe miteinander.






Danke für diese wundervollen Gedanken und für mich;wahrheiten.
scheinbar fällt es menschen so unglaublich schwer, sich von ihren vorstellungen, meinungen und glaubenssätzen loszulassen. wie würde diese welt aussehen, wenn es für alle möglich ist, sich selbst zu hinterfragen, die herzen zu öffnen und in liebe miteinander zu leben.
gabriele