
Praktische Erkundungen: Räume für eine neue Intimität
Wenn du über meinen aktuellen Blogbeitrag «Die Seele zurückholen» hierher gefunden hast: Wunderbar, dein Verstand kennt nun das Fundament, die soziologischen Hintergründe des «koitalen Imperativs» und die biologische Weisheit unseres Nervensystems. Jetzt ist es Zeit, dieses Wissen vom Kopf in den Körper einzuladen.
Falls du direkt auf dieser Seite gelandet bist und dich fragst, warum penetrationsfreie Sexualität ein so kraftvoller Weg zur Heilung und zu tieferer Lust ist: Ich lade dich herzlich ein, dir zuerst ein paar Minuten Zeit für meinen Blogbeitrag zu nehmen. Er schenkt dir die Landkarte und das tiefere Verständnis für die Erfahrungen, die du hier machen kannst. 👉 Hier geht es zum Blogbeitrag: Die Seele zurückholen
Bevor du beginnst: Hinweise für ein sicheres Feld
Die folgenden Übungen sind keine Arbeitsaufträge. Es gibt hier nichts zu leisten, kein Ziel zu erreichen und keine Performance abzuliefern. Dein Körper darf sich einfach so zeigen, wie er jetzt gerade ist – mit all seiner Sehnsucht, aber auch mit seinen Grenzen, seiner Vorsicht oder seiner Müdigkeit. Alles darf da sein.
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Wähle dein Tempo: Trauma und Druck entstehen immer dann, wenn etwas zu schnell geht. Verlangsame jede Bewegung bewusst um das Dreifache.
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Das Recht auf das «Stopp»: Jede Übung kann in jedem Moment modifiziert oder abgebrochen werden. Das Aussprechen eines «Stopps» ist kein Scheitern, sondern ein Akt tiefster Selbstliebe und Autonomie.
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Gemeinsame Co-Regulation: Wenn ihr die Übungen zu zweit macht, geht es nicht darum, den anderen «glücklich zu machen». Das grösste Geschenk, das du deinem Gegenüber machen kannst, ist deine eigene, ehrliche Präsenz.
Die Übungen:
Übung 1: Die Begegnung der Pole (Für Menschen mit Eichel und Klitoris)
Der Hintergrund: Eine der kraftvollsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Berührungen in der penetrationsfreien Intimität ist die direkte Begegnung von Eichel und Klitoris. Die Klitoris und die Eichel sind anatomisch gesehen Geschwister – sie sind die empfindlichsten Orte des menschlichen Körpers und weisen die dichteste Konzentration an Nervenenden auf. Bei der klassischen Penetration verpassen sich diese beiden Zentren oft fast völlig.
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Die Praxis: Nimm dir die Zeit für ein Experiment. Suche eine Position, in der die Eichel sanft, fast ohne Druck und völlig bewegungslos auf der Klitoris ruhen kann. Oft ist das knien zwischen den Beinen des Gegenübers am einfachsten, während du mit der Hand deinen Penis führen kannst. Erigiert oder nicht, spielt hier keine Rolle.
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Das Spüren: Schliesse die Augen. Spüre einfach nur die Wärme des anderen. Tue minutenlang absolut nichts. Wenn du nach einer Weile eine feine, mikroskopisch kleine Bewegung hinzufügen möchtest, tue das in Zeitlupe.
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Die Erfahrung: Beobachte, wie elektrisierend und tiefgreifend diese alleinige, äussere Berührung sein kann – ganz ohne das Ziel eines Orgasmus, nur als tiefes Erforschen deiner reinen Empfindsamkeit.
Diese Übung ist eine der kraftvollsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Berührungen in der penetrationsfreien Intimität überhaupt. Dazu gibt es einen sehr wichtigen Punkt anzufügen:
Diese Praktik verhindert den Orgasmus Gap, denn was die sexuelle Stimulierung des Genitals betrifft, nützt die Penetration eigentlich nur dem Mann. Die Eichel befindet sich in der Vagina an einem fast perfekten Ort des Stimuliert werdens: In der weich und warmen umschliessenden Vagina selber. Und darüber hinaus kann der Mann nun sogar selber das Tempo und die Intensität seiner Stimulierung selbst bestimmen. Nur, Frauen und weiblich gelesenen Menschen nützt das in den allermeisten Fällen nicht viel, da ihr Lustzentrum nur indirekt mit einbezogen wird. Die Vagina selbst ist, ausser dort wo ihre Wand verdünnt an die Klitoris angrenzt, niemals so feinfühlig wie die Klitoris.
Was mich dabei in dieser Praktik immer wieder überraschte: ich erlebte bei dieser Berührung nie eine Korrektur. Nie hörte ich: ‹das ist zu hart› oder ‹zu schnell› oder ‹zu wenig›. Auch nicht, wenn ich nachfragte. Und es ist schön und berührend zu erkennen, wie vollkommen Klitoris und Eichel füreinander gemacht sind, auch, weil sie im Ursprung ein und dasselbe Organ sind.
Und wenn du es schaffst, in nur dieser sanften Berührung zu bleiben, ohne weitere Stimulierungen, und dich soweit öffnest, dass ein Orgasmus so möglich wird, wirst du eine völlig neue Qualität an Orgasmus erleben. Ich selber nenne diesen Orgasmus, angelehnt an Slow Sex den Slow Motion Orgasmus, weil er, nach dem überschreiten des Point of no return, gefühlt sehr langsam aufbaut, gefühlt sehr, sehr lange dauert und danach ebenfalls sehr langsam wieder abbaut. Die Kurve verwandelt sich von einer kurzen Spitze in eine langgezogene Linie. Als ich diesen Orgasmus das erste Mal erlebte, weinte ich danach. So tief berührte er mich.
Übung 2: Das Genital als tastendes Wahrnehmungsorgan (Besonders empfohlen für Frauen)
Der Hintergrund: In unserer patriarchalen Prägung ist die Vulva oft stark mit Scham besetzt und wird unbewusst auf ein rein passives, «empfangendes» Organ reduziert. Bei dieser Übung schreiben wir das Drehbuch komplett um: Das Genital wird von einem passiven Objekt zu einem aktiven, erkundenden Wahrnehmungsorgan. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes zur tastenden Hand.
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Die Ausgangslage: Die Person, mit der du diese Intimität teilst, liegt entspannt auf dem Rücken. Du (die aktive Person) setzt oder kniest dich rittlings über den liegenden Körper. Synchronisiere deinen Atem mit deinem Gegenüber und lasse dein Gewicht einfach vertrauensvoll sinken.
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Das Erforschen: Anstatt nun deine Hände, Lippen oder die Zunge zu benutzen, übergib diese Aufgabe allein deinem Genital. Beginne, mit deiner Vulva (oder deinem Penis) sanft über den Körper des liegenden Menschen zu gleiten – über den Bauch, die Brust oder die Oberschenkel.
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Das Spüren: Lasse dein gesamtes Bewusstsein genau dorthin fliessen. Wie nimmt dein Körperzentrum die Haut unter sich wahr? Spüre nach, wo mehr sexuelle Energie fliesst. Wo fühlt es sich gut auf der Haut an, mit etwas mehr Gewicht zu reiben? Wo verlangt der Moment nach einer hauchzarten Berührung?
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Die Begegnung: Auf deiner langsamen Reise darf natürlich auch das Genital des liegenden Menschen auf diese Weise berührt werden. Bleibe in einer lauschenden Haltung. Es geht nicht darum, den anderen zu stimulieren, sondern einzig darum, mit der eigenen Vulva oder dem Penis zu spüren, was diese direkte Begegnung an Gefühlen und energetischen Wellen in dir selbst auslöst.
Übung 3: Die doppelte Verbindung – Bei sich bleiben im Kontakt (Für alle Konstellationen)
Der Hintergrund: Wahre Intimität erfordert zwei elementare Dinge zur selben Zeit: Dem Gegenüber vollste Aufmerksamkeit zu schenken und dem anderen gleichzeitig das grösste Geschenk zu machen, das wir besitzen – unsere völlig verankerte Präsenz. In der schamanischen Tradition nennen wir dies den Zustand des «gleichzeitigen Da- und Dortseins».
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Der Konsens: Bestätigt vorab gegenseitig euren Konsens, auch wenn ihr schon seit vielen Jahren ein Paar seid. Das schafft ein sicheres Feld. Setzt euch einander anschliessend so nah wie möglich gegenüber, ohne euch vorerst zu berühren.
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Die Anbindung: Schliesst beide die Augen. Verbinde dich ganz mit dir selbst – spüre deinen Atem, nimm deine aktuellen Gefühle wahr und registriere körperliche Spannungen, ohne sie verändern zu wollen.
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Das blinde Erforschen: Sobald du dich gut in dir selbst verankert fühlst, beginne, mit deinen Händen langsam den Raum vor dir zu erkunden, bis du den Händen deines Gegenübers begegnest. Halte die Augen geschlossen. Stelle dir vor, du wüsstest nicht, was Hände sind und würdest diese zum allerersten Mal berühren. Die Aufgabe lautet: Halte die Verbindung zu dir selbst aufrecht UND bleibe gleichzeitig im forschenden Kontakt mit diesen unbekannten Händen.
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Der visuelle Kontakt: Wenn du dich zentriert fühlst, öffne langsam die Augen. Richte den Blick vorerst auf die Brust deines Gegenübers und lasse ihn sanft hochwandern, bis sich eure Blicke treffen.
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Wichtig: Überprüfe fortlaufend, ob du noch gut in dir verankert bist. Verlierst du den Kontakt zur eigenen Mitte, schliesse die Augen wieder und kehre ganz zu dir zurück, bis du wieder angebunden bist. Lasse dir ehrliche Zeit.
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Die Erweiterung: Durch ein sanftes Nicken signalisierst du deinem Gegenüber, dass du bereit bist, weiterzugehen. Wird das Nicken erwidert – ob sofort oder erst Minuten später –, weitet euer gemeinsames Forschen auf andere Körperteile aus. Bleibe tief mit dir selbst verbunden – du fällst nicht aus dir heraus.
Begleitung auf deinem Weg
Körperliche Muster, die über Jahre oder Jahrzehnte gelernt wurden, verändern sich meist nicht über Nacht. Sei geduldig und voller Mitgefühl mit dir selbst, wenn bei diesen Übungen auch einmal Tränen fliessen, alte Ängste auftauchen oder es dir einfach mal gar nichts sagt. Es dauert manchmal alte Konzepte umzuschreiben. All das gehört zum Weg der Heilung und Beseelung des eigenen Körpers.
Wenn du diese Erfahrungen nicht alleine, sondern in einem zutiefst sicheren, professionell gehaltenen und rituellen Rahmen vertiefen möchtest, lade ich dich ein, einen Blick auf meine aktuellen Seminarangebote zu werfen.
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