Die Seele zurückholen: Trauma, Dissoziation und die heilende Kraft penetrationsfreier Intimität
- Roger Spiess

- vor 2 Tagen
- 8 Min. Lesezeit
Content Note / Triggerwarnung: Dieser Artikel befasst sich detailliert mit sexueller Gewalt, Vergewaltigung und deren psychischen sowie körperlichen Folgen.
Die unsichtbare Epidemie
Sexuelle Gewalt ist keine rein private Tragödie, sondern ein gesellschaftliches Symptom. Es ist eine Folge unseres Umgangs mit Intimität und Körperlichkeit, geprägt durch Jahrtausende der patriarchalen Unterwerfung. Das Phänomen Vergewaltigung wird wohl nie ganz aus der Geschichte der Menschheit verschwinden. Aber die Grösse und alltägliche Realität von sexueller Gewalt, die wir praktisch einfach hinnehmen, muss durch Psychologie, Politik und das Verändern unserer Lebensweise durchbrochen werden.

Damit ich den für mich erschütternden Teil des Phänomens sexueller Gewalt gleich hinter mich bringe, hier die harten Fakten zu Europa und Vergewaltigungen: 2024 wurden im EU-Raum 256.302 Fälle von sexueller Gewalt polizeilich erfasst, darunter 98.190 Vergewaltigungen. «Polizeilich erfasst»… Das heisst, es gibt immer noch eine Dunkelziffer, die Studien gemäss um ein Vielfaches höher liegen dürfte.
Dass eben genau die Dunkelziffer nicht unterschätzt werden darf, beweist die erschreckende Zunahme der polizeilich erfassten Fälle seit der gesellschaftlichen Sensibilisierung durch Bewegungen wie #MeToo, strengere Sexualstrafrechte und das «Nein heisst Nein»-Prinzip. Die Zunahme der angezeigten Sexualstraftaten explodierte buchstäblich um 150 % von 2014 bis 2024. So viel lag also mindestens bis 2014 unter dem Schweigen der Opfer – mehrheitlich Frauen, die über 90 % der Betroffenen ausmachen. Das ist alarmierend, weil weitere Studien die Dunkelziffer auch 2024 traditionell immer noch als sehr hoch einschätzen. Heute gilt vermehrt «Nur ein Ja ist ein Ja», was dem Freeze-Zustand einer bedrängten Person entgegenkommt. In den nächsten Jahren werden wir wohl sehen, um wie viel Prozent die gemeldeten Taten dann nochmals angestiegen sind.
Ich spreche hier immer wieder mehrheitlich die Männer als Täter an. Es ist mir bewusst, dass auch Frauen Täterinnen sein können. Dass ich trotzdem vermehrt Männer anspreche, hat mit der Relation zur Realität zu tun, die ich in diesem Blog nicht umgehen werde: Über 90 % aller Täter von sexueller Gewalt sind Männer. 6 % sind Frauen.
Was ist also die Motivation von den mehrheitlich männlichen Tätern? In einem Punkt ist sich die forensische Psychologie einig:
Vergewaltigung ist keine Sexualtat, sondern eine Gewalttat.
Die Täterstruktur
Den Bösewicht, der in der dunklen Ecke sitzt und lauert, gibt es so gut wie nicht. Das ist ein Klischee. Die Täterstruktur liegt vielmehr in realen psychopathologischen Mustern: Narzisstische Züge, tiefgreifende Empathiedefizite und die fatale Fähigkeit zur kognitiven Verzerrung, um die Tat vor sich selbst zu rechtfertigen, stark begünstigt durch patriarchales Denken: «Sie hat es provoziert (durch Kleidung oder Benehmen)», «Sie hat sich ja nicht gewehrt».
Dabei geht es um:
Macht und Kontrolle: Täter kompensieren ihre eigenen Ohnmachts- oder Minderwertigkeitsgefühle durch die absolute Unterwerfung einer anderen Person.
Wut und Bestrafung: Fehlgeleitete Aggressionen, die sich gegen ein Opfer (das oft stellvertretend für andere Konflikte steht) entladen.
Und ja, nicht zuletzt begegnen wir auch wieder den patriarchalen Mustern. Sexuelle Gewalt ist ein Symptom tief verwurzelter patriarchaler Machtstrukturen:
Männliches Anspruchsdenken (Entitlement): Die unbewusste, strukturell erlernte Überzeugung, über den Körper von Frauen (oder marginalisierten Gruppen) verfügen zu dürfen. Zum Beispiel: Als Mann bin ich der Jäger. Initiiere ich nicht den ersten und die weiteren Schritte, werde ich keine Frau kennenlernen, noch Sex mit ihr haben. Das heisst, wenn ich es schaffe, sie zu erjagen (um hier das Wort «erlegen» nicht gebrauchen zu müssen), dann gibt es auch Sex und vielleicht mehr. Schaffe ich es nicht, gibt es auch nichts. Das sind fatale, anerzogene Muster, ja sogar Strategien, welche Hierarchien festlegen, die nur toxisch sind. Der Körper des Gegenübers wird also nicht als beseeltes Subjekt wahrgenommen, sondern auf eine Trophäe, ein Konsumgut, ein Statusobjekt oder ein Gefäss für die eigene Triebabfuhr reduziert.
Neben narzisstischem Anspruchsdenken und dissozialen Zügen finden sich oft ausgeprägte Empathiedefizite – also die fundamentale Unfähigkeit oder sogar mangelnde Bereitschaft, den Schmerz und die Perspektive des Gegenübers nachzuempfinden. Es kann sich auch um verminderte Impulskontrolle oder Affektregulation handeln, sowie um tief verankerte Bindungsstörungen, die durch Gewalt ein toxisches Konstrukt von «Nähe» und Überlegenheit erzwingen.
Genug der Täter. Es ist noch viel wichtiger, den Opfern eine Stimme zu geben.
Was passiert beim Opfer bei sexueller Gewalt?
Aus psychologischer Sicht traumatisiert bei Gewalt die eigene Machtlosigkeit, das Ausgeliefertsein, das Nicht-verstehen-Können, was gerade geschieht. Die schamanische Sichtweise sieht ebenfalls den Verlust der Handlungsfähigkeit darin, dass sich mehrere starke Energien viel zu schnell an einem konzentrierten Punkt entladen. Das ist traumatisierend, weil wir diesen explodierenden Energien nichts entgegenhalten können, weil sie zu plötzlich und zu massiv sind.
Unser Körper als Ganzes hat drei Möglichkeiten zu reagieren: Kampf, Flucht und – wenn diese beiden nicht möglich sind – das Einfrieren (Freeze) bis zur Dissoziation.
Je nach Mensch wird unbewusst eine dieser Varianten priorisiert. Es heisst also nicht, dass sich Menschen zuerst wehren, dann flüchten wollen und ganz zuletzt erst einfrieren. Der Freeze kann auch, und das sogar sehr oft, als erste und einzige Reaktion auftreten.
Wie auch immer: Kommt es zur Gewalt, schlägt die Erkenntnis «Ich kann nichts dagegen tun» ein wie ein schwerer Hammerschlag in den Körper. Es ist die erzwungene Abgabe von Kontrolle und der Fähigkeit, die Situation beeinflussen zu können. Das führt unweigerlich in glasklare Todesangst.
Dieselbe Todesangst erleben wir, um im Kontext zu bleiben, auch bei einem Mord. Das ist ein sehr dunkler Raum, der das Opfer vom Geschehen abschneidet. Die Psychologie nennt dies Dissoziation, aus der schamanischen Sicht ist es ein Seelenanteilverlust. Dieser Anteil bringt sich in Sicherheit und hat mit dem, was im Jetzt geschieht, nichts mehr zu tun.
Dieses Vakuum kann noch lange nach der Traumatisierung anhalten. Denn: Bei einem Mord endet dieser nachtschwarze Raum der Todesangst. Überleben wir diese Gewalten jedoch, kehren wir von dieser so tief prägenden Todesangst wieder ins Leben zurück. Das ist sehr oft ein langer, schwerer Weg. Und das Erlebte begleitet die Opfer für immer.
Weil – und das habe ich auch aus der schamanischen Sicht immer wieder beobachtet – hier ein Folgetrauma entsteht: Mein Körper, der mein einziges wahres Zuhause ist, das mir meine Sicherheit geben sollte, wurde zum Tatort. Ich fühle mich in mir selbst nicht mehr sicher. Ein Grundrecht jedes einzelnen Menschen wurde zerstört. Ein Grundrecht, das in den allermeisten Verfassungen zuoberst steht, weil es so wichtig ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Unter allen Folgen für Betroffene ist dies für mich eine der tiefsten Verletzungen. Des Weiteren können entstehen: Panik und Angstzustände, tiefer Schock und anhaltende oder wiederkehrende Dissoziationen, komplexe Posttraumatische Belastungsstörungen (die sich auf viele Weisen ausdrücken können), chronische Depressionen und Substanzmissbrauch zur Betäubung.
Auch auf somatischer (körperlicher) Ebene hält die Gewalterfahrung durch chronische Beckenschmerzen, Vaginismus oder eine komplette Abspaltung der eigenen sexuellen und vitalen Lebensenergie oft an.
Wie auch immer wir es betrachten, schamanisch oder psychologisch, spirituell oder pragmatisch: Das Grundvertrauen in die Welt – und in sich selbst – ist zutiefst erschüttert. Die Vergewaltigung oder die erfahrene Gewalt haben innerlich nicht aufgehört, sondern dauern an. Ohne Begleitung von Fachpersonen ist der Ausstieg aus dieser Schleife kaum möglich.
Wege der Heilung
1. Das "alte" Skript: Warum herkömmliche Sexualität oft retraumatisiert
Es muss keine vollendete Vergewaltigung oder schwerste physische Gewalt sein, um traumatisiert zu sein. Auch subtile Grenzüberschreitungen, Nötigungen oder manipulative Handlungen können dazu führen.
Weil all dies in sexuellen Feldern geschieht, werden die Traumata später genau in diesen intimen Feldern wieder getriggert. Eine solide, genussvolle Sexualität wird dadurch eingeschränkt oder völlig verhindert. Das liegt daran, dass der Ablauf unserer «normalen», geskripteten Sexualität dem Ablauf einer Vergewaltigung oft fatal ähnelt: Sie folgt zielgerichteten, wenig verbundenen Berührungen und gipfelt in den allermeisten Fällen in der Penetration. Nach dem Orgasmus ist Schluss. Das Nervensystem der Betroffenen kann in diesem hochgefahrenen, zielgerichteten Zustand nicht mehr zwischen der gegenwärtigen, eigentlich sicheren Situation und der vergangenen Bedrohung unterscheiden. Das Alarmsystem schlägt an.
2. Radikale Entschleunigung: Sicherheit durch Zeit
Die Antwort darauf ist Slow Sex. Ein Ansatz, der den Ablauf einer sexuellen Begegnung so weit entschleunigt, dass das Nervensystem und das Gehirn die Zeit bekommen, um in der Tiefe wahrzunehmen, was gerade wirklich geschieht.
Ich habe so viele sexuelle Traumata gesehen, die sich in Slow-Sex-Sessions lösen konnten – nur durch die Ruhe, die Bewegungslosigkeit, die viele Zeit und das sprichwörtliche «Nichtstun». Kein Ziel, keine Methode, kein Plan. Nichts. Der Körper durfte endlich durch die Langsamkeit seine eigenen Kompetenzen der Regulierung, Aufarbeitung und Heilung entfalten.
Es war oft körperlich spürbar, wie sich Spannung entlud. Wie alte Vorstellungen sich über die Zeit nicht halten konnten. Wie stark, klar und laut der Körper plötzlich sprechen konnte, weil der Raum endlich nur für ihn gestaltet wurde.
Dabei geschieht noch etwas sehr Wichtiges: die Co-Regulation. Ein Gewalttrauma ist immer ein Beziehungs-Trauma – jemand hat mir das angetan. Die Heilung geschieht nun ebenfalls in Beziehung. Die Erfahrung, dass da ein anderer Mensch im Raum ist, der absolut sicher ist, nichts fordert und meine Grenzen bedingungslos respektiert, ist zutiefst transformierend. Das Nervensystem heilt also nicht nur durch Zeit, sondern durch das Miterleben eines sicheren, regulierten Gegenübers.
Und was mich immer wieder überraschte: Wie einfach ein klares «Stopp» ausgesprochen werden konnte, wenn nur genug Zeit da war, dieses Unwohlsein im Vorfeld auch zu fühlen. So viele Stopps und Neins haben im normalen Alltag schlichtweg die Zeit nicht, sich rechtzeitig auszudrücken. In so vielen Dingen lassen wir uns ungern drängen – zum Beispiel beim Unterschreiben von wichtigen Verträgen. Auch auf körperlicher Ebene sind Bedenkzeiten eine sehr gute Idee.
3. Die Heilkraft der Penetrationsfreiheit
Penetration ist anatomisch und psychologisch ein massives Eindringen in den innersten Raum eines Menschen.
Als Mann oder männlich gelesene Person ist das Penetrieren oft mit einem Leistungsaufwand (Erektion) verbunden. Als Frau oder weiblich gelesene Person ist das Penetriert werden je nach dem eine grosse Leistung (jemanden in den Körper herein lassen, was nicht einfach geschieht), und oft auch zu einem stummen Aushalten (Zulassen) führen kann. Alle diese Punkte sind anstrengend, schaffen Stressfaktoren und können allfällig vorhandene Traumata sofort triggern.
Eine wunderbare Lösung: Penetrationsfreier Sex. Zugegeben, das braucht eine Umstellung des eingeübten Ablaufs und ein echtes Üben von neuen Wegen. Aber ich kann versichern: Der Lust und der Qualität des Orgasmus tut diese Form der Sexualität keinen Abbruch – im Gegenteil, sie kann das Erleben massiv intensivieren.
So vieles wird in dieser Form der Intimität wieder neu etabliert. Die Haut wird wieder zur äusseren, sicheren Grenze des Körpers. Das Innere, die Vagina, ist nicht mehr per se das Ziel. Das ewige Penetrieren dient nicht mehr als ultimativer Beweis der völligen Hingabe oder einer vermeintlichen «Weiblichkeit», die es als solches gar nicht gibt. Das eigentliche Lustzentrum ist die gesamte Haut. Besonders empfindlich sind Lippen, Brustwarzen, Klitoris und Vulvalippen, die durch ein komplexes Nervennetzwerk miteinander verbunden sind. Innerhalb der Vagina finden sich lediglich die etwas weniger empfindlichen Ausläufer der Klitoris. Echte, tiefe sexuelle Berührung findet also am ganzen Körper statt. Das gilt genauso für den Mann, wo Lippen, Brustwarzen, Schaftwurzel und Eichel ebenfalls neurologisch stark verbunden sind.
Durch das Nicht-Triggern von Traumata, die Entspannung durch das Weglassen von Erektionszwang oder das Aushalten schwieriger Penetrationszustände, entsteht eine echte Befreiung vom Leistungsdruck und dem «Funktionieren-Müssen».
Es entsteht ein riesiger Raum für das Jetzt: Ohne einen Plan verfolgen zu müssen, ohne den Stress von «Ist es gut so? Was mache ich als Nächstes? Wie kann ich das steigern?» öffnet sich der Raum für ein tiefes, verbindendes Nachforschen: «Was spüre ich jetzt genau?»
Das ist für mich die moderne Version der Seelenrückholung, die jeder Mensch erfahren kann. Durch die achtsame, mit viel Zeit gestaltete Rückkehr der Eigenwahrnehmung in unbewusste oder taube Körperregionen geschieht genau das: Wir holen unsere Seele in unseren Körper zurück.
Die abgespaltenen Anteile werden dadurch wieder in den Körper, ja in jede einzelne Zelle, eingeladen. Aus schamanischer Sicht kann ich sagen: Durch die Zeit, die wir uns nehmen, unseren Körper wieder in seiner Tiefe zu spüren, ihn voll und authentisch zu erleben, zu hören und zu sehen – beseelen wir ihn wieder mit uns selbst. Durch das Beseelen unseres Körpers kehren wir in unser Zuhause zurück.
Das einzig wahre Zuhause von uns allen.
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Brauchst du Unterstützung?
Wenn dieser Text etwas schwieriges in dir ausgelöst hat oder du selbst von sexueller Gewalt betroffen bist, musst du diesen Weg nicht alleine gehen.
Melde dich gerne bei mir mit Fragen, einem Sharing oder für Hilfe.
Im weiteren gibt es sichere, vertrauliche und kostenlose Hilfe:
Opferhilfe Schweiz: Anonyme und kostenlose Beratung für Betroffene von Gewalt. (opferhilfe-schweiz.ch)
Frauenhäuser und Frauennotruf: Beratung und Schutz rund um die Uhr. (frauenhaus-schweiz.ch)
Die Dargebotene Hand: Telefon 143 – anonym, vertraulich, 24 Stunden erreichbar für ein entlastendes Gespräch.
Lilli.ch: Online-Beratung für junge Frauen und Männer zu den Themen Sexualität und sexualisierte Gewalt.
Slow Sex hat mein Leben in ein Vorher und in Nachher unterteilt. Eine wundervolle Erfahrung!