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Sexualisierte und sexuelle Gewalt. Oder: Solange wir mit dem Finger nur auf die Täter zeigen, und nicht zugleich auch auf unsere Kultur, solange wird sich nichts ändern.

Es ist gut, dass Sexualstraftäter zur Verantwortung und Rechenschaft gezogen werden. Es braucht dieses starke Zeichen unserer Gesellschaft um zu sagen: Jegliche Form von Gewalt wird mit Nulltoleranz beantwortet werden.


Nur: Die Bestrafung alleine führt zur Missinterpretation, dass sexualisierte Gewalt das Werk ‹böser Einzelner› oder ‹gestörter Individuen› ist. Somit spricht sich die Kultur einer Gesellschaft wieder selbst frei und begünstigt dadurch den Nährboden, auf welchem die Formen der Gewalt überhaupt erst entstehen können.


Die Bestrafung alleine ist nicht die Lösung, weil sie eine der wichtigsten Bedingungen welche Gewalt erzeugt, ignoriert: Patriarchale Strukturen, Machtgefälle, toxische Männlichkeit (ob es uns nun gefällt oder nicht) und Verharmlosung von Grenzverletzungen.



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Im weiteren heisst das konkret: Kulturelle Normen, welche Einstellungen wie die Opferbeschämung, die Kultur des Schweigens oder die Objektifizierung von Menschen dulden, und das geschieht sehr häufig! bilden das Fundament auf dem diese Taten möglich überhaupt möglich werden. Es ist unumgänglich: solange diese zum Teil unbewussten Normen nicht hinterfragt werden, sich nichts ändern wird und es immer wieder neue Täter geben wird.


Kultur:

Es gibt genug Hinweise, wo es in unserer Kultur grössere Schwachstellen, gibt:


-Soziale Normen, welche zB die Hinterfragung des Opfers, und nicht des Täters («Was hattest du an?» «Warum warst du dort?») normalisieren.


-Machtstrukturen: Hierarchien welche den Tätern Immunität verschaffen. Hinlänglich bekannt aus kirchlichen Institutionen, Familien, Militär und Heimen für Kinder und Jugendliche.


-die sexualisierte Sprache über Frauen und anderen Gruppen


-Geschönsrollen (ich benutze lieber das Wort Ge-schön, als Ge-schlecht) wie zum Beispiel toxische Männlichkeit, welche emotionalen Ausdruck unterdrückt und Dominanz belohnt.


-und schlussendlich das Rechtssystem, welche dem negativen Konsent zu wenig Gewicht gibt, sowie die immer noch wenigen Verurteilungen in Fällen sexueller Gewalt.


Die Bestrafung dieser Täter*innen muss und wird strafrechtlich verfolgt und zur Rechenschaft gezogen. Das ist gut.

Nur, es reicht nicht ohne auch die präventive Arbeit miteinzubringen um gleichzeitig an einer Veränderung unserer Kultur zu arbeiten.

Das Bestrafen der Täter von gestern und heute genügt nicht. Es geht um die Verhinderung von sexueller Gewalt von morgen.


Fehlende Konsequenz.


Um unsere Kultur dahingehend zu verändern, dass alle Formen von Gewalt so gut wie möglich vermieden werden können, ist schon vieles in Gang gebracht worden. Nur ist das Wissen zwar da, das Fühlen in der Tiefe jedoch noch nicht. Es ist noch nicht verkörpert. Noch nicht gekoppelt mit gutem oder schlechtem Körpergefühl!

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Das sind die wichtigen Schritte:

-Konsequent Verharmlosung und Schuldzuweisungen an Opfer (Victim Blaming) aufzudecken und zu Benennen.


-Das wirklich konsequente Durchziehen von Konsent in allen Dingen und jederzeit! … Selbst unter Paaren die schon jahrelang zusammen sind. Zu schnell werden heute noch Einwilligungen auch Ritualen und veralltäglichten Abläufen unterstellt. Konsent gehört immer an die erste Stelle, und nicht die Gewohnheit.


-Und zu guter Letzt die konsequente Benennung von Verbrechen und kriminellem Verhalten: Formulierungen wie ‹Fehltritt› oder ‹sexuelle Ausschweifung› gehören einer Zeit an, in welcher sexualisierte Gewalt und Missbrauch noch nach mildernden Umständen suchen durfte. Das muss heute endgültig vorbei sein.


Wir Männer müssen es ertragen, und auch hier Konsequenzen tragen: Die weitaus überwiegende Mehrheit sexualisierter Gewalt wird von Männern ausgeübt.


Dagegen braucht es:

die Förderung non-toxischer Männlichkeit wie das neue definieren von Männlichkeit mit emotionaler Kompetenz, Respekt und Gewaltlosigkeit.

Die Dekonstruktion der Vorstellung, dass Männer aufgrund ihres Geschöns Zugriff auf den Körper der Frau haben (Frauen sollen sexuell Verfügbar sein) oder Autorität über Frauen zu haben.


Schulung von Männern wie sie aktiv in Situationen oder möglichen Situationen sexueller Gewalt eingreifen können.

(In Indien, das ein eher gröberes Problem der sexuellen Gewalt gegen Frauen hat, zeigt diese Schulung grossen Erfolg).


Kein Victim Blaming mehr, sondern Fokus auf der Verantwortung des Täters.

Niederschwellige Hilfsangebote für Meldungen von Gewalt, ohne Angst vor negativen Konsequenzen.

Schutz und Unterstützung für Menschen die Gewalt ausgesetzt sind oder waren.


Das sind die Wege, welche die gesellschaftliche Toleranz für Gewalt und sexualisierte Gewalt senken kann, und es den Tätern dadurch nicht mehr die Möglichkeit gibt, ihr Handeln zu verklären.

Es geht um die Opfer. Nicht um die Täter.


Unsere Gesellschaft muss sich ändern. Heute. Nicht morgen.

 
 
 

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