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Der weinende Krieger


In einem Prozess mit der Frau, mit der ich gehe, habe ich über mich gelernt, dass die Verkörperung des starken, autarken und kompetenten Mannes in mir sehr ausgeprägt ist. Das war nicht immer so, es gab Zeiten, da spürte ich mich nicht und war nicht viel mehr als ein Windrad.

Als ich begann, mich selbst zu spüren und als lebendig wahrzunehmen, als ich erfuhr, dass ich mich in diesem Leben ausdrücken und bewegen kann, kippte ich aus der Ohnmacht in eine neue Welt: Macht. Und plötzlich fühlte es sich gut an, zu bestimmen. Zu führen. Und meine Welt verwandelte sich in die Haltung "Ich und dann die anderen".

Und das passte perfekt. Erstens beschloss ich, mich nie wieder verletzen zu lassen, indem ich alles um mich herum kontrolliere. Ich entscheide, wie jemand mit mir redet, wie nahe ich ihn an mich heranlasse, und ich mache deutlich, dass ich immer mit mindestens der gleichen Energie oder den gleichen Worten zurückschlage, die ich bekomme. Zweitens entsprach das genau dem Bild, das ich von einem Mann hatte: Stark sein. Kompetent. Unantastbar in der Macht. Und vor allem in der Beziehung würde ich endlich das leuchtende Bild des Mannes sein, das seit Jahrtausenden aufpoliert wird: Die starke Schulter, an der Frau sich ausweinen kann, der Gentleman, der für Frau die Autotür öffnet und alle Gefahren von ihr fernhält. Und natürlich auch ein Ohr für Frau hat, wenn sie vom Leben mal nicht so gut behandelt wird. Ein echter Krieger.



Und dann der Prozess. Einer dieser schmerzhaften Prozesse der puren Reinigung. Schmerzhaft, weil er den Verlust der Kontrolle erzwingt, der den Beginn der Reise in die Angst bedeutet. An den Ort, an den ich nie gehe. Dorthin, wo die Angst mich mit einem Wimpernschlag vernichten kann und wird. Eisiger Stahl.

Und doch ist dieser Ort Reinigung des Seins. So wie die Angst dich vernichtet, nimmt sie dich in die Arme, wenn du bereit bist zu sterben, weil du aufgegeben hast, nicht weil du dich hingibst. Nicht weil du glaubst, du könntest diese verdammte Angst jemals integrieren. Nicht weil du glaubst, du könntest die Angst verwandeln. Nein. Du gibst dich verloren und aufgegeben und völlig hilflos in die Arme der Angst. Das ist alles.

Und die Frau, mit der ich gehe, sagt zu mir: Es ist schön, dich schwach zu sehen.

Schön? Mich schwach zu erleben? Das, was ich jetzt in meinem Prozess erlebe, ist nicht schön. Es ist sehr verwirrend und beunruhigend. Ich will da raus, so schnell wie möglich. Nur nicht schwach sein. Ich kenne es nicht und will es nicht kennen. Schwach sein? Was ist schwach? Ich weiß nicht mal, wie es sich anfühlt. Ich weiß nicht, wie das geht.

Und die Frau, mit der ich gehe, nimmt mich bei der Hand.


©RogerSpiess



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