Vom Wissen ins Handeln: Das Handwerkszeug für die Befreiung des Mannes
- Roger Spiess

- 28. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Die Sozialisation von Frauen und Männern hat einen Punkt erreicht, an dem sie zutiefst überdacht – und vor allem unterfühlt – werden muss. Der tiefgreifende gesellschaftliche Wandel rollt über uns hinweg: Für die einen ein Segen, für die anderen Grund zu vehementem Widerstand. Seit Frauen für ihre Rechte auf die Straßen gegangen sind, geraten glücklicherweise auch unsere starren Geschlechterrollen massiv ins Wanken.
Wir alle kennen die Vorwürfe, was Männer tun und was daran falsch sein soll. Gerade wir Männer stehen unter gewaltigem Druck, weil sich unser kollektives Verhalten in erschreckenden Kriminalstatistiken, vornehmlich der Gewalt gegen Frauen, schwarz auf weiß ablesen lässt. Gelinde ausgedrückt: Hier stimmt massiv etwas nicht.
Die Arbeit in der Peer Group
Was gibt es also konkret zu tun? Die Antwort lautet: Ehrliche Aufarbeitung – an uns selbst und in unserer Peer Group. Ich halte mich hier bewusst an Männer, denn wir müssen füreinander Vorbilder werden. Im uns Mitteilen – vor allem gegenüber anderen Männern – sind wir schließlich, gelinde gesagt, wenig geübt.

Das bedeutet in der Praxis:
Es wird zu einer großen täglichen Übung, in einer kontinuierlichen Reflexion über die eigenen Vorurteile und blinden Flecken zu bleiben. Wir müssen üben, uns unserer eigenen sexuellen Biografie und unserer Wertvorstellungen bewusst zu werden. Und zwar so lange, bis diese Achtsamkeit voll integriert ist und „von selbst“ wirkt.
Das erfordert die Demut anzuerkennen: Ich weiß nicht alles. Und ich muss nicht alles, was ich zu wissen glaube, sofort verteidigen. Zuhören und mitfühlen sind gefragt – im Wissen, dass die wertvollsten Erkenntnisse schlussendlich aus dem gemeinsamen Austausch unserer Gedanken und Gefühle entstehen.
Konsens als Basis
Ein großer praktischer Punkt, den es radikal zu üben gilt, lautet: Frage, bevor du handelst. Sich selbst die Erlaubnis zu einer Handlung zu geben, nur aufgrund der Annahme „Das ist für mich okay, also ist es auch für mein Gegenüber okay“, ist übergriffig und ein No-Go. Dein Körper, deine Gefühle und deine Sexualität gehören einzig und allein dir. Sei konsequent darin, auch in einer Beziehung. Und gestehe dieses absolute Recht auf Konsens exakt so auch deinem Gegenüber zu.
Die queere Linse: Ein Befreiungs-Tool für alle Männer
Um starre Normen zu hinterfragen, lohnt sich ein Blick auf die queer-feministische und queer-maskuline Sexualpädagogik. Wenn du als heterosexueller Cis-Mann jetzt vielleicht denkst: „Queer? Das betrifft mich doch gar nicht“, dann lass mich das kurz einordnen.
„Queer“ steht hier schlicht für alles, was von der traditionellen, oft einengenden Norm abweicht. Und genau diese Norm ist ja die „Man Box“, das Gefängnis, aus dem wir ausbrechen wollen!
Die queer-feministische Pädagogik hilft uns, Machtverhältnisse, Ungleichheit und die soziale Konstruktion von Geschlecht allgemein zu verstehen und sexualisierte Machtstrukturen aufzubrechen.
Die queer-maskuline Pädagogik richtet den Fokus dann ganz konkret auf uns Männer. Sie hilft uns, traditionelle und oft zerstörerische Vorstellungen von „Mannsein“ zu dekonstruieren. Sie zeigt, dass Sexualität und männliche Identität nicht an Dominanz oder Leistung gekoppelt sein müssen. Dieser Ansatz ist ein massives Werkzeug, um Männlichkeit freier, inklusiver und authentischer zu leben.
Neue Regeln für unsere Gespräche
Aber wie fangen wir an, miteinander darüber zu reden? Wenn wir Männer beginnen, uns zusammenzusetzen – sei es in Männergruppen oder bei tiefen Gesprächen unter Freunden –, brauchen wir ein neues Handwerkszeug. Wir müssen alte Dominanzmuster brechen. Dabei helfen diese fünf Grundregeln:
„Ich“-Botschaften verwenden: Wir sprechen über unsere eigenen Gefühle und Erfahrungen, statt in ein verallgemeinerndes „Man macht das halt so“ zu verfallen oder Schuld zuzuweisen. Das fördert die Eigenverantwortung.
„One Mic“ (Einer spricht): Die Aufmerksamkeit wird bewusst auf die sprechende Person gerichtet; wir üben aktives Zuhören. Das verhindert, dass laute Stimmen die leiseren übertönen, und schafft Raum für Nachdenklichkeit.
Wirkung vor Absicht: Wir erkennen an, dass die Wirkung einer Äußerung im Hier und Jetzt wichtiger ist als die ursprünglich beabsichtigte Absicht. Wenn wir jemanden verletzen, übernehmen wir die Verantwortung für die Folgen, anstatt uns mit „Ich habe es doch nicht so gemeint“ herauszureden. Das fördert echte Empathie.
„Step Up, Step Back“: Wer dazu neigt, viel zu reden und Raum einzunehmen, nimmt sich bewusst zurück („Step Back“). Wer eher ruhig ist, fordert sich heraus, mutig mehr beizutragen („Step Up“). So verteilen wir die Redezeit gerecht.
Privilegien anerkennen: Wir machen uns bewusst, wie unsere soziale Position (aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Bildung) die Dynamik im Raum beeinflusst.
Und ein ganz wichtiger Zusatz: Es ist völlig normal, auf diesem Weg Fehler zu machen! Ich kann die Fehler, die ich über all die Jahre seit Alice Schwarzer gar nicht mehr zählen. Aber was sich wie fast von selbst bei jedem Fehler schärfte war: meine Bewusstheit darüber, was ich sage und tue. Alte Muster abzulegen, ist holprig. Wichtig ist nur, dass wir aus falschem Stolz nicht sofort in die Abwehr gehen, sondern aus diesen Fehlern lernen und bereit sind uns darin kennenzulernen. Ehrlich, Wahr und Ungeschminkt.
Der Weg zur Menschlichkeit
Es ist viel, ich weiß. Aber der Berg wird nur noch größer, je länger wir warten. Wir müssen uns endlich vom Joch des Patriarchats befreien. Weg von Hierarchie, Besserwissen, Wertungen und Vorurteilen.
Hin zu dem, was das ultimative Gegenstück zum Patriarchat ist: reine Menschlichkeit.
Es ist ein langes Wegstück. Aber so wie wir uns das patriarchale Denken über Jahrhunderte angeeignet und integriert haben, so lässt sich auch Menschlichkeit ganz bewusst neu erlernen und tief in uns integrieren. Lasst uns jetzt damit anfangen.
©RogerSpiess
Aho 🙏
Dankeschön 🙏🏽 Roger
Du feiner Mann und Mensch!
Wahre Stärke ist nicht Dominanz,sondern die Demut, sich selbst zu erkennen.
Nicht Kontrolle heilt,sondern Wahrheit, Gefühl und ehrliches Hinsehen.
Bewusstsein wird zu Liebe,wenn Respekt, Konsens und Mitgefühl den Weg führen.
Der Ausstieg aus dem Patriarchat ist die Rückkehr zur Menschlichkeit.