Sport rettet die Welt
- Roger Spiess

- 15. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Kurzflash:
Als beim Eishockeyspiel dieser Olympiade 2026 zwischen der Schweiz und Kanada der Spieler Kevin Fiala verletzt auf einer Bahre vom Eis getragen werden musste, geschah etwas Magisches: Die gesamte kanadische Nationalmannschaft betrat das Spielfeld und klopfte geschlossen mit den Stöcken auf das Eis. Es war eine tiefe Ehrerbietung an den verletzten Gegner. Das ist Sportlichkeit. Das ist Sport.
Wie wäre unsere Welt ohne Sport?

Stellen wir uns vor, es gäbe keine Wettkämpfe, keine Weltmeisterschaften und keine Olympischen Spiele. Nationen würden nur noch über Politik, Wirtschaft und Wissenschaft miteinander kommunizieren. Wäre das eine friedlichere Welt? Ich wage es zu bezweifeln.
Schon Kinder lernen durch das gemeinsame Spiel miteinander und voneinander. Sie erfahren früh, dass nicht alle geborene Stürmerinnen oder sichere Torhüter sein können. Sie lernen, dass es wertvoll ist, sich selbst und die anderen in ihren Stärken und Schwächen wirklich kennenzulernen.
Wir Erwachsenen sind aus diesen kindlichen Fantasiewelten herausgewachsen und haben das Spiel in die großen Arenen des Sports getragen. Dorthin, wo das Messen nun Regeln, Schiedsrichtern und der harten Leistung untersteht – unterstützt durch modernste Technik, Medizin und Psychologie.
Die nackte Seele im Korsett der Regeln
Doch auch wenn das Spiel heute ein enges Korsett trägt, vermag dies nicht zu verhindern, dass die Seele, die Leidenschaft und die Kraft der Athleten, der Teams und ganzer Länder darin verletzlich und offen zutage treten.

Da ist dieses Drama, wenn die beste Stürmerin einer Fußballnationalmannschaft den entscheidenden Elfmeter im WM-Finale vergibt. Sie selbst stürzt – wie jeder männliche Kollege in ihrer Situation – in den Olymp des Elends. Mit ihr erlischt wie auf einen Schlag der Kampfwille der Mannschaft, und mit dem Team hält eine ganze Nation für eine Sekunde den Atem an – um dann im schmerzhaften Ausatmen dieses einen Moments zu erkennen, wie verbunden und wie sterblich wir alle sind.
Oder diese Explosion ungebändigter Lebensfreude beim Super Bowl: Der Quarterback der unterlegenen Mannschaft muss verletzt vom Feld. Eine unbekannte Notbesetzung übernimmt – und wirft in der allerletzten Sekunde eine Hail Mary, die tatsächlich ankommt und zum Sieg führt! Selbst die Gegner anerkennen die Schönheit und Kraft solcher Momente. Sie fühlen sich geehrt, in diesem historischen Augenblick mit auf dem Feld gestanden zu haben. Diese Augenblicke berühren uns alle: Wunder sind möglich. Hoffnung hat Kraft.
Es ist der stille, magische Moment, wenn die Skifahrerin, der Sprinter oder die Schwimmerin nach dem Überqueren der Ziellinie den Blick auf die Anzeigetafel richtet. Für einen Herzschlag steht die Welt still. Der Sinn des jahrelangen Trainings in Schweiß und Blut wird in einer Zehntelsekunde bestätigt – oder zunichtegemacht. Es ist die Einsamkeit auf der Marathonstrecke, wenn die Welt um die Läufer herum verschwindet und nur noch aus Beinen und Atem besteht. Wenn sie dann im Ziel ihren Trainern in die Arme fallen, rechtfertigt dieser eine Moment alle Mühen: das Ziel erreicht zu haben.
Das Echo auf den Rängen

Und dieses Band der Verbundenheit macht nicht an den Spielfeldrändern halt. Es springt über auf die Ränge, in die Wohnzimmer und Fanzonen weltweit. Dort, wo sich völlig Fremde in den Armen liegen, weil ein Tor gefallen ist. Wo die Herkunft, der Kontostand oder die Religion für neunzig Minuten keine Rolle spielen, sondern nur das gemeinsame Zittern und Hoffen. Es sind diese Arenen unserer Zeit, Sport und Musik, in der kollektives Mitgefühl noch stärker ist als die Distanz, die uns sonst im Alltag trennt.
Hinter den Grenzen
Es sind all diese Momente, die aus Nationen über politische, religiöse und ethnische Grenzen hinweg eine Welt machen. Momente, die aus uns Menschen machen, die miteinander auf den großen Feldern des Lebens spielen.
Wir alle bewegen uns zwischen der geglückten Hail Mary und dem vergebenen Elfmeter. Wir alle kämpfen mit uns selbst und setzen uns dem Risiko von Sieg oder Niederlage aus. Und ja, wir alle träumen weltweit von diesen Momenten der Befreiung, der Freude und der Liebe: zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zum Leben. So, wie wir es im Sport, in der Familie und in unseren Beziehungen immer wieder erleben dürfen.
Das ist Sport.
Wo sonst sehen wir Russen, Amerikanerinnen, Koreaner, Ghanaerinnen und Kolumbianer, die sich wirklich zeigen? In ihrem Weinen? In ihrem Lachen? Im Sieg und in der Niederlage?
Wir sehen das nicht beim WEF. Nicht in den Sälen der Regierungen. Sicher nicht in den politischen Wahlkämpfen.
Wo sonst sehen wir jahrelange, harte Arbeit an sich selbst genau in diesem einen Atemzug zur Erfüllung kommen? Wo sonst gibt es Gold, Silber und Bronze, während das bloße Dabeisein doch so viel mehr ist? Es ist alles.
Fazit
Die Geschichten der Menschen, Teams und Nationen, die ihre gesamte Hingabe dem Sport geschenkt haben, würden wohl so viele Bücher füllen wie die Menschheitsgeschichte selbst. Wir sind nicht nur ein logischer Ablauf von Entwicklungsdynamiken. Wir sind Emotionen, Gefühle und – jede und jeder auf die eigene Art – Seele.
Eine Welt ohne Sport wäre eine Welt, in der Nationen einander noch fremder würden. Es wäre eine Welt, in der wir uns nur noch politisch, wirtschaftlich oder auf den Schlachtfeldern begegnen würden.
ich gehe mit der einig. lieber eine welt mit sport als ohne sport. andererseits denke ich, dass die kultur in bezug auf Völkerverbindung eigentlich sogar mehr potential hätte, aber neben dem Eurovision Song contest gibt es kaum eigenständige veranstaltungen. da wäre viel mehr möglich.
Das ist gelebte Menschlichkeit und kollektive Empathie!!!
Für den Menschen wirkt das tief regulierend: Es schafft Verbundenheit, senkt innere Spannung – und erinnert uns daran, dass Respekt und Mitgefühl stärker sind als Konkurrenz.
Dankeschön 🙏🏽 Roger