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„Sexual Quitting“ – Wenn die Liebe bleibt, aber die Lust lautlos geht.

Ich sitze in einer Session einem Paar gegenüber.

Sie sagt: „Unsere Beziehung funktioniert nicht mehr.“ Er nickt dazu. Sie weiter: „Wir haben viel versucht, aber wir finden uns einfach nicht mehr. Da ist nichts mehr.“


Ich frage nach: „Gar nichts mehr?“ „Nun, eigentlich als Team funktionieren wir schon“, antwortet sie. „Wir haben ja auch Kinder und müssen uns irgendwie organisieren.“ „Also Teamwork funktioniert?“, hake ich nach. Beide nicken. „Was funktioniert dann nicht mehr?“

„Wir haben keinen Sex mehr. Keine Intimität, keine Lust aufeinander. Unsere Beziehung hat sich irgendwie still und heimlich aufgelöst. Und so will ich nicht weitergehen.“ Er schaut mich an und nickt. „War das mit eurer Sexualität mal anders?“

Beide richten sich mit meiner Frage unbewusst auf, der Atem wird tiefer, so auch die Stimme. „Oh ja, am Anfang war unser Sex das Beste überhaupt“, sagt er. Sie ergänzt: „Ja, wir hatten viel mehr Sex.“

„Okay, das hört sich klar und deutlich an“, sage ich. „Eure Beziehung scheint am Ende zu sein. Und warum sitzt ihr beiden jetzt bei mir?“ „Ganz so einfach ist diese Trennung für uns nicht.“ „Nun, bei dieser Diagnose, die ihr über eure Beziehung gestellt habt, müsste eine Trennung ja eine Befreiung für euch sein. Da hängt also noch was…“


Wenn die Lust geht, aber die Liebe bleibt

In dem nun folgenden, tiefergehenden Gespräch klären wir zunächst die Basis ab. Dabei spielt natürlich auch das klären eventueller hormoneller Veränderungen (Wechseljahre, Schilddrüse), Nebenwirkungen von Medikamenten (insbesondere SSRI-Antidepressiva oder die Pille) sowie Schlafmangel (z. B. durch kleine Kinder) oder chronischer Stress eine grosse Rolle.

Sind diese physischen Dinge geklärt und spielen keine Rolle, finden wir in den meisten Gesprächen heraus: Die Sexualität ist zwar abhandengekommen, nicht aber die Liebe. Viele Paare sind in der Idee gefangen, dass Sex ganz automatisch zu einer gesunden Liebe dazugehört – und dass eine gute Beziehung sich darin zeigt, dass der Sex einfach immer gut, begehrt und erfüllend bleibt. Doch die Realität sieht oft anders aus.


Die Landung auf dem Boden der Realität

In der Verliebtheitsphase dient der grosse, fast alles einnehmende Fokus aufeinander dem „Bonding“. Je tiefer diese Phase genossen wird, umso eher überstehen Paare den hormonellen Wechsel zurück in den Alltag. Ich nenne es die „Landung der Beziehung auf dem Boden der Realität“ – die Transformation von Verliebtheit in Liebe. Das ist kein einfacher Prozess. Er kann unangenehm werden.

Findet dieser Prozess nicht im offenen Austausch statt, tauchen oft Sätze auf wie: „In Beziehungen muss man eben Opfer bringen.“ Das stimmt – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Besonders in der Sexualität führen Kompromisse oft in eine Sackgasse, da hier auch Moral, Scham und Sozialisierung mitspielen.


Der Weg in die „sexuelle Kündigung“

Paare haben oft die edle Eigenschaft, sich sexuell anzupassen. Meist setzt sich die Form der Sexualität durch, die dominanter ist. Wenn dieser „Tanz“ der Dominanzen eines Paares beweglich bleibt, ist das kein Problem. Doch wenn sich ein Partner zu sehr zurücknimmt, steuert er unweigerlich in den Hafen der Frustration. Wozu Sex, wenn er mir eigentlich nichts bringt?


Daraus entstehen meist zwei weit verbreitete Versionen:

  1. Aushalten: „Dem Frieden zuliebe mache ich mit.“ Man vermeidet Streit und lange Diskussionen, doch der Preis ist hoch und endet eines Tages trotzdem in der totalen Verweigerung.

  2. Ausstieg: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Stress – die direkte Abkürzung in die Verweigerung. Oft spielen hier auch unbewusste Rachegefühle mit: „Deine Form von Sex tut mir psychisch weh, also entziehe ich mich und du darfst das auch zu spüren bekommen.“

Ich nenne das Silent oder Active Sexual Quitting – die stille oder aktive sexuelle Kündigung.


Mein Rat: Hört auf mit dem Sex!


Was rate ich Paaren in dieser Situation? Zunächst einmal: Hört auf, Sex zu haben. Zumindest jenen Sex, den ihr schon kennt und so oft wiederholt habt. Diese Form hat euch nämlich an den Rand der Trennung gebracht.

Es geht jetzt darum, endlich die sexuelle Form zu finden, die sich aus euren beiden verschiedenen Identitäten heraus neu formt. Jeder Mensch hat seine eigene Form, die ich Ur-Sexualität nenne. Dabei ist wichtig, diese nicht zu einer allgemeingültigen Formel zu machen; sie unterliegt ständiger Veränderung. Wir spüren es selber: Die Kraft unserer sexuellen Energie ist mit 20 eine andere als mit 40 oder 60.

Treffen sich nun zwei Menschen, geht es darum, ihre „Paarsexualität“ zu erschaffen, sodass möglichst beide sich darin erfüllen können.

Die entscheidende Frage ist nicht mehr: „Wie schön und befriedigend ist unser Sex?“, sondern:

  • Wie viel von mir und meinem Sein als sexuelles Wesen konnte ich diesmal in die Sexualität bringen?

  • Wie viel von mir habe ich gezeigt?

  • War ich es, der hier mit einem Menschen Sex hatte, oder habe ich nur einen Teil von mir zugelassen?

Viele Menschen in den Sessions zeigen sich ob dieser Fragen tief berührt.


Der Weg zurück zur Intimität

Um das Fundament der Beziehung um Welten zu vertiefen, lade ich Paare ein, die Definition von Sex leicht anzupassen. In der modernen Sexologie ist jede Berührung Sex. Das befreit schon mal von Druck und Leistungsstress immer auch gut zu performen, und befreit Sex vom engen Korsett der Penetrationsfixiertheit. Somit erweitert sich das sexuelle Feld um Welten!

  • Schritt 1: Beginnt schon ausserhalb des Bettes. Händchenhalten beim Spazieren, sich beim Frühstück für einen Moment eine kurze, einfache Umarmung erfragen – ganz ohne die Absicht oder Hoffnung auf "mehr".

  • Schritt 2: Wenn sich genug Vertrauen wieder aufgebaut hat und sich verletzungssichere Räume bilden konnten, dürfen die Schritte intimer werden. Eine wertvolle Übung ist die „Selbstliebe miteinander“: Sich gegenseitig bei der Masturbation zu beobachten. Einander die Erlaubnis geben, dabei zu sein, ohne Berührungen. Beobachten und spüren, wie der oder die Partner*in mit sich selbst umgeht.

  • Schritt 3: Gestaltet sexuelle Begegnungen neu, indem zuerst die eine, beim nächsten Mal dann der andere Mensch von A bis Z bestimmt, was geschehen wird. Natürlich immer unter Einhaltung eines Konsents, der vorher eingeholt wird. Damit der andere lernen kann.


Das wichtigste Werkzeug: Präsenz


Fragt euch beim Sex immer wieder: Ist mir wohl? Möchte ich das? Erfüllt es mich? Möchte ich etwas ändern? Habe ich schon genug?

Du tust das für dich UND deinem Mitmenschen, mit dem du Sex hast. Es gibt nichts Schöneres in der Sexualität, als zu spüren, dass der Mensch, der gerade mit dir ist, voll präsent ist und sich ganz hineingibt.


Wenn dabei Korrekturen kommen oder Abweisungen, dann sind diese ein Geschenk, weil sie eure Sexualität weiterbringen. Es ist völlig normal, dass sich Korrekturen im ersten Moment wie eine Zurückweisung anfühlen. Wenn du aber lernst, sie als Wegweiser und nicht als Kritik an dir als Person zu sehen, öffnet das die Tür zu einer viel tieferen Intimität.


Sexualität ist erforschen, lernen und immer wieder ändern. Sexualität ist lebendig, sie ist heute niemals genauso wie gestern. Alles, was wir als Mensch können, haben wir gelernt. Das ist beim Gehen so, beim Sprechen, im sozialen Umgang – und genau so ist es auch mit der Sexualität.

Wenn du dort beginnst, wo du dir sagst: „Ich weiss nicht, was Sex ist“, dann hast du einen guten Startort gefunden. Geh von dort aus. Immer wieder. Und auch wenn du, wie ich auch, noch nicht herausgefunden hast, was genau Sex ist, dann lass mich dir versichern: Die Suche danach ist nie verschwendete Zeit.

 
 
 

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