Scherben werden zu Gold: Wie die virtuelle Welt zum sicheren Hafen für Heilung wird.
- Roger Spiess

- 5. Apr.
- 6 Min. Lesezeit

Ein persönlicher Einblick in die Drei-Avatar-Methode nach sexuellem Trauma.
Grenzwelten
Ich kann es nicht lassen.
Der Pioniergeist in mir verführt mich immer wieder an Grenzorte die neu, herausfordernd und aufregend sind. Ich liebe es, Wege zu gehen die vor mir keine, oder nur wenige Menschen schon gegangen sind. Und jetzt, wo ich pensioniert bin, und ich nicht mehr so intensiv körperlich arbeiten möchte, habe ich mich nach neuen Grenzen in meiner Arbeit mit der Sexualität umgeschaut. Diese Entwicklung jetzt beginnt hier:
Ich kann mich gut erinnern, wie tief mich mein schamanischer Lehrer, Dr. phil. Carlo Zumstein, Psychotherapeut und schamanisch Tätiger immer wieder beeindruckte. Er liess sich in die Rituale von Heilenden ein, die nichts von den Konzepten Sigmund Freuds wussten, sondern ganz andere Heilweisen anwendeten die den Heilerfolgen der Psychologie ebenbürtig sind. Um zu erfahren, was Denken ausserhalb der ‹Boxen› bedeutet, gab er uns einmal folgende Aufgabe: Wir sollten eine Genesis, eine Schöpfungsgeschichte, schreiben, die ganz ohne christliches Gedankengut oder Symbolen auskommt. Ich schaffte es während Jahren nicht eine solche zu schreiben. Das zeigte mir so deutlich auf, wie gefangen wir in unseren Narrativen, unseren Gedankenwelten und Gewohnheiten sind. Das Undenkbare denken ist das grosse Geheimnis der Entwicklung in vielen Dingen, sage ich heute.
Vom schamanischen Reisen zum digitalen Raum
All dies war vor vielen Jahren meine Motivation, das Online ‹Spiel› Second Life auszuprobieren. Dieses Spiel ist Nutzer basiert und hat kein Ziel, ausser dem, was mensch sich selber setzt. Alles, und noch viel mehr als in der realen Welt, wird in diesem virtuellen Raum möglich.
Und so kommt es, dass mensch sich zuerst nur sich selbst begegnet - das Spiel beginnt: Wer möchte ich sein? Was möchte ich sein? Mann, Frau, Non-binär? (Ja für alle Formen gibt es die passenden Genitalien). Oder ein Engel? Alien? Ein Tier?
Und wie bin ich? Was an mir gestalte ich anders als in meiner Alltagswirklichkeit? Ich befand mich völlig zwangslos plötzlich in einer spannenden und tieferen Persönlichkeits-Exploration.
Mit der Zeit wurde mir immer klarer, wie sehr sich Second Life auch für Therapie eignen könnte. Nur schon der Prozess der Gestaltung meines eigenen Avatars war ein ganz neues, tief beeindruckendes Erlebnis mit mir selbst. Ich konnte immer mehr auch Veränderungen an mir in der realen Welt feststellen. Aber - stimmt das auch? Wie können Erlebnisse einer virtuellen Welt Einfluss auf meine reale Welt nehmen? Nun, aus schamanischer Sicht ist diese Tatsache unbestritten, ja, bildet sogar das Fundament der schamanischen Arbeit.
Und gibt es dazu auch psychologische Erkenntnisse? Die Antwort: Ja!
Warum unser Gehirn virtuelle Welten ‹glaubt›
Schon seit längerer Zeit wissen wir, dass unser Gehirn nicht zwischen Fantasie oder Realität unterscheiden kann. Beim zuhören einer unheimlichen Gruselgeschichte werden vermehrt Stresshormone wie Cortisol ausgeschüttet. Bei schönen, sanften Liebesgeschichten sind es vor allem die Ruhe-Hormone wie Serotonin (Wohlfühlhormon) und Oxytocin (Bindungshormon). Auch wenn wir diese Geschichten 'nur' hören - der emotionale Teil unseres Gehirns nimmt sie als real und wahr.
Bei meinen weiteren Recherchen zu Therapie und Second Life wurde ich schnell fündig. Was ich ahnte, ahnten schon andere und mittlerweile gibt es einige Studien von Professoren und Universitäten, welche die Wirksamkeit des Erlebens in Second Life, also über den Avatar, bis ins reale Leben nachweisen konnten.
Ein sicherer Raum für schwierige Themen
Die Drei-Avatar-Methode: Wer begegnet wem?
In meiner Arbeit nutzen wir die virtuelle Welt von Second Life, um innere Anteile Deiner Persönlichkeit sichtbar und handelbar zu machen. Dabei kommen drei spezifische Avatare zum Einsatz:
1. Der Präsenz-Avatar (Das aktuelle Ich)
Bedeutung: Er spiegelt Dein heutiges Befinden wider – so, wie Du dich jetzt gerade fühlst.
Rolle: Dieser Avatar ist unser Ausgangspunkt. Wir nutzen ihn, um im geschützten Raum anzukommen und die eigene Körperwahrnehmung (Interozeption) im digitalen Raum zu verankern. Er ist der Beobachter, der lernt, wieder „da“ zu sein.
2. Der Ressourcen-Avatar (Die Kraft-Quelle)
Bedeutung: Er verkörpert Ihre Sehnsucht nach Stärke, Schutz und Unversehrtheit. Er ist Ihr „Kraft-Verbündeter“, vergleichbar mit einem schamanischen Krafttier.
Rolle: Durch den Proteus-Effekt leiht Ihnen dieser Avatar seine Stärke. In schwierigen Situationen agieren Sie aus dieser kraftvollen Form heraus, um Grenzen zu setzen und Handlungsfähigkeit (Agency) zurückzugewinnen.
3. Der Schatten-Avatar (Der verletzte Anteil)
Bedeutung: Er gibt den Anteilen ein Gesicht, die durch das Trauma abgespalten wurden (Scham, Wut, Erstarrung). Er ist der Hüter des Schmerzes.
Rolle: Wir begegnen diesem Avatar aus der Sicherheit des Ressourcen-Ichs heraus. Im rituellen Dialog wandeln wir die erstarrte Trauma-Energie um. Ziel ist die Integration: Der Schatten wird nicht bekämpft, sondern als wertvolle Lebenskraft in Ihr Gesamtselbst zurückgeholt.
Warum diese Unterscheidung?
Indem wir diese Anteile auf verschiedene Avatare verteilen, schaffen wir eine heilsame Distanz. Du bist nicht mehr „das Opfer“ – Du bist die Regisseurin, die lernt, seine inneren Anteile neu zu ordnen und zu versöhnen.
„Vom Erleiden zum Gestalten: Die Avatare sind die Brücke, auf der wir verlorenen Seelenanteile sicher nach Hause führen.“
Hauptsächlich wirken hier die wissenschaftlich nachgewiesenen ‹Proteus› und ‹Presence› Effekte*. Die Wirkung der beiden sehr vereinfacht dargelegt:
Proteus: Mein Hirn lernt vom Verhalten meines Avatars, den ich steuere, und mein Körper fühlt, was ich sehe.
Presence: in dem die neuronale Phänomene von
‹Place Illusion› = ich bin da, und
‹Plausibility Illusion› = das was passiert ist echt, wirken.
Mit andern Worten: Ich kann mich auf der emotionalen Ebene von dem was mein Avatar erlebt nicht distanzieren. Und doch: da wo ich sitze, hinter dem Keyboard meines Laptops oder notebooks, bin ich sicher: Ich bin mein Avatar und gleichzeitig auch Beobachter meines Avatars.
Das heisst etwas genauer ausgedrückt: Das Gehirn weiß kognitiv (im präfrontalen Kortex) natürlich, dass es vor einem Laptop sitzt. Aber das limbische System (unser emotionales Zentrum) und die Amygdala (das Alarmzentrum) reagieren auf die virtuellen Bilder so, als wären sie real. Das ist der Grund, warum wir bei einem Horrorfilm schwitzen, obwohl wir auf dem Sofa sitzen.
Es ist, wie viele Schamanen es kennen: Die Nicht-Alltägliche-Wirklichkeit verwebt sich tief mit der Alltäglichen-Wirklichkeit, sie werden eins. Schamanen wechseln also bewusst von der einen Welt in die andere. Für sie sind beide Welten ‹real›, nur getrennt durch eine Schwelle, Übergang oder Membran.
In unserer Welt mit Second Life ist diese Schwelle der Bildschirm. Fahre ich den Laptop herunter, verschwindet die virtuelle Welt aus meinen Augen. Ich bin wieder ganz Zuhause in meiner vertrauten Alltags-Wirklichkeit.
Mit dem herunterfahren des Laptops endet die virtuelle Welt, jedoch nicht die Wirkung des Erlebten.
Für mich, der mit Sexualität arbeitet, und dadurch hauptsächlich mit sexuell traumatisierten Menschen, macht diese Form der Therapie sehr viel Sinn.
Die Kunst der Dosierung: Sicherheit durch Kontrolle
Ein weiterer zentraler Grund, warum ich die Arbeit in Second Life so schätze, ist die einzigartige Dosierbarkeit der Erfahrung. In der klassischen Traumatherapie gibt es oft nur zwei Wege: Man spricht über das Erlebte (was oft zu abstrakt bleibt) oder man stellt es sich intensiv vor (Imagination, was schnell zu einer überwältigenden Überflutung führen kann).
Die virtuelle Welt bietet uns einen hocheffizienten „dritten Weg“:
Regulierbare Distanz: Wir können die räumliche Nähe zwischen Avataren auf den Zentimeter genau steuern. Wenn sich eine Situation zu intensiv anfühlt, vergrößern wir mit einem Klick die Distanz. Dein Nervensystem lernt so, dass Du die Kontrolle über die Annäherung hast.
Visueller Puffer: Der Avatar wirkt wie eine schützende Membran. Du sehen das Geschehen, aber es geschieht nicht Deinem physischen Körper, sondern Deiner digitalen Repräsentation. Das erlaubt es uns, schwierige Themen zu bearbeiten, ohne dass Dein System in eine Schockstarre verfällt.
Jederzeitiger Ausstieg: Du hast die absolute Hoheit über den Prozess. Ein Tastendruck genügt, um die Situation zu unterbrechen oder die Welt zu verlassen. Diese erfahrbare Sicherheit ist das direkte Gegenteil zur traumatischen Ohnmacht und bildet das Fundament für nachhaltige Heilung.
Mein Therapie Avatar, Roger Spiess, ist erschaffen. Räume für Rollenspiele sind ebenfalls bereit, sowie mein ‹Assistent› der Situationsbedingte Rollen übernehmen wird.
Eine spannende neue Arbeit beginnt.
Ich kombiniere meine 25-jährige Erfahrung als Sexualtherapeut mit den neuesten Erkenntnissen der Cyberpsychologie. Die Methode ist neu, das therapeutische Fundament ist bewährt.
Austausch für eine Session: Du bezahlst nur die evtl anfallenden Kosten zur Gestaltung deiner Avatare. Je nach Gestaltung kann das zwischen CHF 50 bis 150 sein. Dies ist ein zeitlich begrenztes Pionier-Angebot. Ich erhöhe die Preis der Sessions nach erfolgreichem Start des Projekts.
Um den Ausgleich um Geben und Nehmen zu erhalten, und die Sessions für Dich erfolgreich waren, bin ich froh um Werbung und ein Feedback für meine Website.
*Quellen, Literatur und Hinweise findest du auf meiner Website.
Text: Roger Spiess
Unter mithilfe für Recherchen, Struktur und Überprüfung: Gemini.
Bild: Gemini.
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