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Die letzte Eskalationsstufe: Warum wir Männer uns selbst transformieren müssen

Für Frauen war die Richtung ihres Befreiungskampfes klar: Gegen das Patriarchat und somit gegen die Vorherrschaft des Mannes. Diese Emanzipation brachte Raum für Befreiung und Selbstbestimmung. Doch während die Frauen bereits ein großes Stück Weg gegangen sind (und noch ist das Ziel nicht voll erreicht), stehen wir Männer oft noch am Anfang eines ganz anderen Prozesses.

Dass der Mann im feministischen Diskurs – besonders von FLINTA*-Personen – oft als Gegner markiert wird, hat eine unwiderlegbare Logik: Frauen und nicht-binäre Menschen leiden seit Jahrtausenden unter patriarchaler Herrschaft. Ihr Kampf richtet sich heute vor allem gegen sexuelle Gewalt, das systemische „Gefängnis“ und die vorausgesetzte sexuelle Verfügbarkeit.


Das Privileg der körperlichen Sicherheit

Ein Unterdrückungssystem braucht Macht, um zu funktionieren. Eine Macht, der nicht widersprochen werden kann. Eine Macht, die sich immer das letzte Wort sichert. Und diese Macht manifestiert sich am einfachsten in der physischen Überlegenheit der allermeisten Männer gegenüber dem weiblich gelesenen Körper. Die körperliche Überlegenheit des Mannes ist ist das Fundament des Patriarchats.


Hier spielt auch das Testosteron eine Rolle. Die Produktion ist bei Männern zwischen 18 und 35 am höchsten – jene Jahre, in denen statistisch die meisten Gewalttaten begangen werden. Doch Vorsicht: Testosteron verursacht keine Gewalt. Es ist eine Kraft, die Dominanz und Ausdauer unterstützt. Ob daraus Gewalt oder Fürsorge wird, entscheidet unser soziales Narrativ. Wenn unsere Sozialisation sagt: „Dominanz ist gleich Gewalt“, dann wirkt das Hormon als Verstärker für genau dieses Verhalten.


Die Zahlen lügen nicht

Die körperliche Überlegenheit ist das Fundament des Patriarchats. Ein Blick auf die sexualisierte Gewalt in der Schweiz (BFS, Stand März 2026) verdeutlicht das Ausmaß:

Opfer / Beschuldigte (Schweiz 2025)

Weiblich

Männlich

Erwachsene Opfer

2'988

329

Minderjährige Opfer

1'532

427

Erwachsene Beschuldigte

141

3'191

Minderjährige Beschuldigte

28

560

Betrachten wir die Eskalationsdynamik: Ein Konflikt unter Männern kann sich von verbalen Beleidigungen bis hin zur schweren körperlichen Gewalt steigern. Unter Frauen fehlt diese letzte Stufe fast völlig. Im Konflikt zwischen Mann und Frau bedeutet das: Der Mann hat in letzter Konsequenz immer das letzte Wort, weil er das Mittel der körperlichen Gewalt ziehen könnte.


Das „Hintergrundrauschen“ der Gewalt

Selbst wenn wir Männer diese Macht nicht bewusst ausspielen: Wir wissen tief im Innersten, dass uns physisch wenig passieren kann. Dieses „Sicherheitsgefühl“ ist für Frauen ein Fremdwort.

Für Frauen ist die männliche Überlegenheit vielmehr ein ständiges Hintergrundrauschen. Ein Sicherheitsradar, das ständig auf Wachsamkeit geschaltet ist:

  • Nachts allein auf dem Heimweg.

  • Das Gespräch hinter geschlossenen Türen beim Chef.

  • Die Einladung der neuen Bekanntschaft ins Ferienhaus.

Während der Mann hier Vorfreude oder wenigstens Neugier empfindet, fragt sich die Frau: „Bin ich sicher?“ Wir Männer müssen uns dieses Unterschieds bewusst werden.


Das Gefängnis der Männlichkeit

Ich mag hier auch auf den Männerpsychologen und Männer Coach Tony Porter weisen, der einmal einen Jungen Footballspieler fragte, was das schlimmste wäre, das sein Trainer ihm sagen könnte. Der Junge sagte: «dass ich spiele wie in Mädchen.» Porter fragte nach: «was würde das mit dir machen?» Der Junge sagte: «es würde mich zerstören.» Porter stellte sich dann die richtige Frage: Was um Himmelswillen erzählen wir Erwachsene und Eltern den Jungs über die Mädchen?


Der US-Coach Tony Porter beschreibt weiter mit der „Man Box“ das Gefängnis, in dem wir Männer stecken und den Preis, den wir für dieses Festhalten an patriarchalen Rollen zahlen:

  1. Suizidrate: Weltweit nehmen sich 2 bis 4 Mal mehr Männer das Leben als Frauen.

  2. Einsamkeit: Emotionale Verkümmerung führt in die Isolation – ein Nährboden für Phänomene wie die „Manosphere“ (z.B. Andrew Tate).

  3. Gesundheit: Leistungsstress und der Zwang, Probleme allein lösen zu müssen, verkürzen unsere Lebenserwartung.

Alle diese oben aufgeführten Punkte stehen in unbestrittener Verbindung zur Man Box, oder unserer Sozialisierung.


Der Preis der Dominanz ist die Einsamkeit. Wenn wir uns nur über Stärke definieren, verlieren wir die Verbindung zu uns selbst und anderen.


Transformation statt Emanzipation

Es genügt also für uns Männer nicht, nur das Patriarchat als abstraktes Konstrukt anzuklagen. Die Befreiung muss auch in uns Männern stattfinden.

Frauen mussten ihren Kampf auf die Straße tragen, weil ihnen das System von Männern unter dem Deckmantel von "Naturgesetzen" (die Frau folgt dem Mann) aufgezwungen wurde. Uns Männern wurde es ebenfalls aufgezwungen, aber unter dem Deckmantel der „Naturgesetze“, die uns zum Oberhaupt erklärten. Wir Männer zwangen uns das Patriarchat selbst auf. Das ist ein gewaltiger energetischer Unterschied.

Frauen haben sich emanzipiert – sie befreiten sich von den Männern. Wir Männer können uns nicht von uns selbst befreien. Wir müssen den Weg der Transformation gehen.

  • Zurück zu unseren eigenen, echten Gefühlen.

  • Weg von reinem Kampf, Wissen und Ansehen.

  • Hin zum Fühlen und Wahrnehmen.

Unsere Aufgabe ist es, die Kategorien „Mann“ und „Frau“ in ihrer patriarchalen Prägung aufzulösen, um einander endlich als Menschen zu begegnen. Das ist der wahre Weg aus dem Patriarchat.


*FLINTA: Frauen, Lesben, Intersexuelle, Nicht-Binäre, Trans- und Agenderpersonen.


 
 
 

2 Kommentare


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ernie :-)
ernie :-)
31. März

besten dank, roger, für deine gedanken.

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