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Die Architektur der Trennung: Ein Essay über Grenzen und Gemeinsamkeit der Menschen

Die Geschichte der Menschheit – und ich bitte die Historiker hier um Nachsicht für meine fachfremde Perspektive – ist im Kern eine Geschichte der Trennung. Tief in unserem limbischen System, dort, wo der neurologische Überlebensmodus wohnt, ist ein archaisches Narrativ verankert: die schnelle Auflösung von Gefahr. Der biologische Imperativ lautet hier, anscheinend einzig und allein: Probleme müssen weg.


Von der Höhle zur „Imaginierten Gemeinschaft“

Nur lassen sich lebensbedrohliche Stürme gewaltige Erdbeben nicht einfach so aus der Natur entfernen, also entfernen wir uns von den Stürmen und Erdbeben. Wir begannen, uns von der Unberechenbarkeit der Wildnis zu emanzipieren und bauten Mauern, Dächer und Böden – also eine künstliche Trennung zwischen „Innen“ und „Außen“.

Die Zimmerleute und ihre Architektur war geboren und sie brachte uns grosse Sicherheit und Geborgenheit. Diese Mauern sind heute noch der Burgfried unserer befestigten Heime. Da es jedoch unmöglich war, den gesamten Lebensraum physisch zu ummauern, erfanden wir, die Menschen, das Recht: Gesetze schützen heute den materiellen Besitz dort, wo Steine fehlen.


Je grösser nun Gruppen, Stämme und Gemeinschaften werden, umso schwieriger wird es, diese Stämme auch mit einem guten Boden zusammen zu halten, und bis zu Nationen heranwachsen zu lassen.

Historisch betrachtet ist die Nation ein Konstrukt der Moderne, eine sogenannte „imaginierte Gemeinschaft“.

Da wir unmöglich jeden Bürger persönlich kennen können, erfanden wir das Narrativ der nationalen Identität, um Millionen von Fremden unter einem Symbol zu vereinen. Doch diese Einigung nach innen erkauften wir uns für einen hohen Preis: nämlich fast immer durch eine scharfe Abgrenzung nach außen.

Mangels starken Mauern rund um ein ganzes Land wurden die Armeen erfunden als die unsichtbaren Mauern an den Grenzen; sie sind die wichtigen Definitionslinien welche Identitäten schützen sollen: Wer gehört dazu, und wer bleibt draußen?


Jede Nation behauptet ihre eigene moralische Ausnahmerolle, und hält sie sogar in ihrer als unantastbar geltenden Verfassung fest. Die Vielfalten der existierenenden Verfassungen erwecken den Anschein, als gäbe es für das menschliche Miteinander tatsächlich so viele physikalische Grundgesetze wie Flaggen auf der Landkarte. Dabei verdecken diese künstlichen Grenzen oft nur eine fundamentale Wahrheit: Das Bedürfnis nach Sicherheit ist universell und menschlich, die bürokratische Form nur dessen technokratische Maske.


Die Evolution der Distanz



Und so setzt sich das Prinzip der Trennung fort, im Kleinen wie im Großen. Religionen schaffen Identität durch Exklusivität. Sprache und Kultur werden zu Barrieren statt zu Brücken. Sogar die Essenz des Menschseins wurde durch die biblische Genesis in die Dualität von Mann und Frau gespalten.

Ich frage mich: Ist dies nur Teil eines großen dialektischen Prozesses? Braucht dieser Prozess zuerst das Erfahren extremer Trennung, um dann ein globales Bewusstsein zu etablieren?


Hier gibt es zwei Wege, die wir gehen können. 

Wir können davon ausgehen, dass es erstrebenswert ist, uns als gleich zu erkennen. Das bedeutet, die Aufforderung anzunehmen, bewusst aus dem Narrativ der Trennung auszusteigen und unser Menschsein als das zu erkennen, was die Lakota „Mitakuye Oyasin“ nennen: Wir sind alle miteinander verwandt.

Oder der Weg der Integration, basierend auf der Erkenntnis, dass wir uns gerade über unsere Individualität finden werden. Dass die Trennung uns die Kraft gibt, die Andersartigkeit als notwendiges Puzzleteil der Wahrheit und des Seins zu begreifen!


Was bleibt also? Vielleicht das Spiegelbild des Anderen.


Wer ist der Mensch neben mir? Und wer sitzt hier an meiner Stelle? Wenn ich das frage, rühre ich an das biologische Wunder unserer Spiegelneuronen. Diese Nervenzellen sind die neurobiologische Basis für Empathie; sie lassen uns mitfühlen, was andere erleben.

Wirklich bemerkenswert hier ist, dass wir biologisch auf Resonanz programmiert sind, nicht auf Distanz. Wenn ich mich im Anderen sehe, erkenne ich, dass mein Gegenüber kein „Objekt“ ist, sondern ein zweites „Ich“. Und das ist der magische und verbindende Moment, in dem die Trennung aufgehoben wird.


Wenn ich den Anderen jedoch nicht verstehe, und glaube, dass ich in mir keine verbindende Resonanz fühlen kann, dann bietet sich die grosse Chance der Erkenntniserweiterung: Was trägt dieser Mensch in sich, das in meinem eigenen Schatten liegt? Was kann ich von diesem Menschen lernen, das mir fehlt?


In der Psychologie ist dies die Integration des Fremden – ein Prozess, bei dem wir nicht nur über den anderen lernen, sondern über die bisher unentdeckten Kontinente in uns selbst.

Und dazu braucht es nur, meine biologisch-natürliche Fähigkeit der Resonanz und Verbindung auch in mein Bewusstsein zu bringen, und emotional zuzulassen, mich auch auf diese Person einzulassen. Über die Grenzen von Rasse, Nationalität und Glauben hinweg.

Wir eröffnen uns damit, miteinander Mensch werden zu können.


Die Lehre von Babel


Die Bibel bietet viel Raum für Streit und Diskussionen.

Doch, unter anderem, im Mythos vom Turmbau zu Babel steckt eine wichtige psychologische Ur-Wahrheit: Wir finden unsere Bestimmung nicht darin, den Kosmos, die Natur und ihre Kräfte durch technische Gigantomanie zu unterwerfen oder uns in monumentalen Strukturen, wie zum Beispiel Staatsgebäude als Machtdemonstration zu entwerfen und manifestieren.

Nein. Viel mehr finden wir uns darin, die Spannung zwischen Gleichheit und Verschiedenheit auszuhalten. Wir alle teilen in dieser Welt dieselben Ängste und Freuden, Wünsche und Hoffnungen. Hier sind wir alle gleich. Der Umgang mit all diesen gleichen Emotionen ist individuell – und genau hier liegt unsere wahre Evolution. Ich habe noch nie von einer Angst gehört, die mir gänzlich fremd war – aber ich habe unzählige Wege kennengelernt, viele dieser Ängste zu meistern. Nämlich dadurch, dass ich mich selbst von meinem Gegenüber nicht distanzierte, sondern mich in ihm oder ihr zu erkennen und zugleich zu erleben, wie wir beide dieselbe Welt unterschiedlich meistern. Und immer habe ich dabei etwas gelernt.

Immer.

Die Philosophie der Zulu, ‹Ubuntu› besagt: «Es braucht Menschen, um Mensch zu werden.»

Feel it.

Danke dir für deine Zeit.

1 Kommentar


Grenzen schützen den Körper.

Resonanz verbindet die Seele.

Wirkliche Evolution beginnt, wenn der Mensch im Anderen sich selbst erkennt. ✨

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