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Der Mythos des Beschützers warum wir Männer uns selbst konfrontieren müssen

„Ich habe noch nie einer Frau etwas zuleide getan. Ich habe mit all diesem abartigen männlichen Verhalten nichts zu tun.“

Doch. Ich habe sehr viel damit zu tun.

Lange gehörte auch ich zu den Männern, die sich mit diesen Worten von jeglicher Schuld freisprachen. Ich wähnte mich auf der „guten Seite“, schließlich bemühte ich mich jahrelang in Kursen und Seminaren kritisch das Bewusstwerden unbewusster patriarchaler Dynamiken offenzulegen.


Wenn mir heute Männer sagen, sie seien anders, weil diese Männer einfach nur krank oder fehlgeleitet sind, antworte ich: „Hey Alter, das sind deine Bros, über die du hier redest! Gehen die dich wirklich nichts an?“


Das Versagen der „Beschützer-Rolle“

Oft höre ich dann das Argument: „Ich sehe es als Aufgabe des Mannes, Frauen zu beschützen. Ich würde jede Frau beschützen!“

Die bittere Realität ist jedoch: Der Mann hat als Beschützer im großen Stil versagt. 94 % aller sexuellen Straftaten werden von Männern begangen. Und wie, bitte, sollen Frauen uns als Beschützer wahrnehmen, wenn die Gefahr systemisch von unserem Geschlecht ausgeht? Und um das Ausmaß klarzustellen: Die Opfer sind zu fast gleichen Teilen männlich wie weiblich – es trifft Jungs genauso wie Mädchen.


Die größte Herausforderung: Ehrlichkeit

Ich glaube, uns Männern steht eine der größten Herausforderungen bevor, die es gibt. Sie ist so gewaltig, dass wir sie immer wieder hinausschieben und hoffen, es gäbe einen bequemeren Weg, um die Geschichte der Unterdrückung zu verarbeiten.

Diese Herausforderung lautet: Sich selbst als Mann zu konfrontieren. Sich in die Augen zu schauen und ehrlich zu sein.

Wir müssen anerkennen: Allein aufgrund der Tatsache, dass ich ein Mann bin, bin ich ein potenzieller Täter. Die allermeisten Männer könnten eine Frau mit bloßen Händen umbringen. Die allermeisten Frauen könnten das umgekehrt nicht. Diese physische Realität ist die Basis jeder patriarchalen Machtstruktur.


Ein beschämend langer Weg gegen die Schamverurteilung, Unterdrückung und Benachteiligung:

Die Geschichte zeigt uns, wie hart jeder Millimeter Freiheit erkämpft werden musste – und zwar von Frauen, nicht von uns Männern:

  • 1789: Erste Frauenrechtsstimmen während der Französischen Revolution.

  • 1848: Die erste organisierte Frauenbewegung in New York.

  • 1920: Das Frauenstimmrecht in den USA (nach Pionieren wie Neuseeland 1893).

  • 1971: Erst dann erreichte das Frauenstimmrecht die Schweiz als eines der letzten europäischen Länder.

  • 1990: Der Kanton Appenzell Innerrhoden musste erst vom Bundesrat rechtlich gezwungen werden, Frauen wählen zu lassen.

1990..... Das ist nicht lange her. Das ist beschämend.

Die Scham muss die Seite wechseln

Es waren Frauen, die 1990 gegen den Kanton Appenzell vor das Bundesgericht zogen und Recht erhielten.

Es waren Frauen, die Männer wie Epstein oder Weinstein entlarvten. Und es war aktuell Gisèle Pelicot, die eine der letzten Mauern aus Schweigen und Scham einriss.

Indem sie jeden Prozesstag besuchte, öffentlich gegen ihren Mann und ihre Vergewaltiger aussagte und sich nicht versteckte, statuierte sie ein grosses, wichtiges Exempel: Sie habe nichts, wofür sie sich schämen müsste. Die Scham gehört den Männern, die sie in ihrer Bewusstlosigkeit mit Gewalt misshandelten. Diese Männer sollen die Wucht der Scham tragen, nicht sie als Opfer.

Dies ist einer der wichtigsten Schritte gegen unsere frauenunterdrückende Sozialisation überhaupt.


Und, in all dem: Wo ist die Stimme von uns Männern??

Wo sind wir Männer in all diesen Kämpfen? Wo ist unser Aufschrei gegen Ungerechtigkeit und Verbrechen, die in unserem Namen oder durch unser Schweigen geschehen?

Warum hört man uns nicht am lautesten?

Sich der eigenen Täterschaft oder Mitverantwortung zu stellen, erfordert Mut. Doch sich als Opfer gegen ein ganzes System aufzulehnen, erfordert weit mehr Mut. Die Frauen haben es getan. Ich wünsche mir inständig, dass wir Männer nachziehen.

Indem wir uns selbst stellen. Indem wir unsere patriarchale Sozialisation konfrontieren.

Es gibt keinen anderen Weg.


Text: ©Roger Spiess Strukturelle Text-Mithilfe: Gemini.


2 Kommentare


info2054080
vor 3 Stunden

Lieber Roger


Was für ein Text, Was für ein Statement! Ich danke dir von Herzen, dass du bereit bist, die seite zu wechseln, das tut so gut..

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Nicht beschützen — verstehen.

Nicht herrschen — zuhören.

Nicht wegschauen — Verantwortung tragen.

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