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Das schwache Geschlecht? Wie das Patriarchat sich selbst schützt und Frauen körperlich klein hält

Es ist echt frustrierend, wie tief verwurzelt und zugleich unsichtbar das Patriarchat unser Leben immer noch bestimmt.

In der Bubble, in der ich lebe, ist das Patriarchat zutiefst verpönt und bekämpft – während sehr viele, und auch ich, in genau dieser Bubble immer noch zutiefst vom Patriarchat beeinflusst sind, ohne es zu merken.

Was viele in diesem Zusammenhang immer noch nicht infrage stellen, ist eine der großen Säulen des Patriarchats: Es erhält sich die körperliche Überlegenheit des Mannes gegenüber Frauen, um seine Macht zu erhalten. Weil: Jede Hierarchie stützt sich im Extremfall auf das Recht des Stärkeren. Das Patriarchat funktioniert reibungslos, solange dem Mann im Zweifelsfall – wenn Argumente und finanzielle Macht nicht mehr greifen – das letzte Wort durch körperliche Überlegenheit gesichert bleibt.



Eine Frau, die von klein auf lernt, dass Raufen "unweiblich" ist, die keine Schlagkraft entwickelt und ihren Körper nicht als Waffe oder Schutzschild zu begreifen lernt, ist im Konfliktfall klar unterlegen. Die Gesellschaft erzieht Mädchen nicht zur Schwäche, weil sie niedlich ist, sondern weil sie gefügig macht. Männer können auch körperlich ihre Grenzen setzen und durchsetzen. Das haben sie schon im Spiel, im Raufen, gelernt. Mädchen nicht.


Die absolute Manifestation dieser dem Patriarchat dienenden Erziehung sehen wir im Alltag: Anstatt Mädchen und jungen Frauen beizubringen, wie sie sich körperlich wehren, wie sie zuschlagen und ihre eigene Kraft nutzen können, wird ihnen geraten, Pfefferspray zu kaufen oder den Schlüsselbund zwischen die Finger zu klemmen. Wir entwaffnen sie dadurch systematisch.

Über die Jahrtausende hinweg verfeinerte sich die Macht des Patriarchats dadurch, dass Männer immer mehr verstanden, wie sie ihre Privilegien ausbauen und festigen konnten. Sie bedienten sich sogar schamlos der Behauptung, dass Frauen nun mal biologisch das schwächere Geschlecht seien. Dieses Argument brannte sich über die lange Zeit des Patriarchats wie eine Neonschrift in unser Wissen ein und wurde damit für viele zu einer unumstößlichen Wahrheit: Männer sind das starke Geschlecht, Frauen das schwache. Man sieht das ja schon alleine den Körpern selbst an. Die Genetik hat gesprochen, Ende der Diskussion.


Nur – und hier wirds spannend – was passiert, und ja, was fühlst du als Mann oder Frau, wenn diese Behauptungen nur Behauptungen von machthungrigen Männern sind, die sich aller Mittel bedienen, um ihre Positionen gegen jegliche Angriffe zu verteidigen? Wenn die Schwäche der Frauen über die Jahrhunderte hinweg kontinuierlich erfunden, etabliert und als biologische (Un)Wahrheit verkauft wurde?

Bevor du weiterliest:

Spüre genau hin, was diese Worte jetzt schon in dir auslösen. Spürst du, was in dir geschieht, wenn ein großes, lebenswichtiges Narrativ, die körperliche Schwäche der Frauen plötzlich nicht mehr ist, und was das mit deinem Archetypen (zB. Beschützer) des Mannes oder ( zB. sicherheitbrauchende Mutter) der Frau macht?


Wir müssen endlich sehen: Wir wachsen in einer Welt auf, die Mädchen von klein auf entwaffnet. Wir verbieten ihnen das Raufen auf dem Spielplatz, stecken sie im Turnunterricht in den Schonwaschgang und pathologisieren jede Frau, die Muskeln aufbaut, oder im Sport als supererfolgreich auftritt, als "vermännlicht".

Wir betrachten den weiblichen Körper durch die Linse der Zerbrechlichkeit, statt sein wahres athletisches Potenzial zu fordern und zu fördern. Es ist an der Zeit, ein unbequemes Tabu zu brechen: Frauen sind körperlich nicht annähernd so limitiert, wie wir glauben. Sie werden systematisch klein gehalten. Und zwar nicht durch Zufall, sondern aus einem ganz bestimmten Grund: Eine Gesellschaft, die im Kern auf patriarchalen Machtstrukturen aufbaut, kann sich schlichtweg keine körperlich wehrhaften Frauen leisten.


Es wird viele schmerzen, diesen letzten Satz so zu lesen. Aber Hand aufs Herz: schaust du Frauenfussball so an, wie du Männerfussball ansiehst?


Wie oft haben wir in diesem Zusammenhang von den Frauen ihre so gut gelernten patriarchalen Wünsche und Sehnsüchte an uns Männer schon gehört: «Ich wünsche mir in einer Beziehung vom Mann vor allem Geborgenheit und Sicherheit.» Natürlich braucht sie diese Zusage vom Mann, wegen der unterschwelligen Angst vor seiner körperlichen Kraft. Und weil sie diese Gewissheit braucht, um sicher zu sein, dass ihr keine Gewalt angetan wird. Natürlich ist dies nicht der einzige Grund, weshalb viele Frauen diesen Wunsch ausdrücken. Nur habe ich diese Wünsche sehr sehr selten von einem Mann gehört… Und natürlich schliesse ich damit nicht aus, dass Geborgenheit und Sicherheit für uns alle wichtig ist. Nimm dir einen Moment Zeit, um das wirklich zu fühlen.


Die Schwäche der Frauen ist nicht biologische Realität, sondern das Ergebnis jahrelanger, knallharter Konditionierung. Eine Analyse, wie wir die körperlichen Fähigkeiten von Frauen systematisch ausbremsen:


1. Das "Prinzessinnen-Korsett": Warum Jungs kämpfen und Mädchen lächeln sollen Die körperliche Schere öffnet sich nicht erst in der Pubertät, sondern bereits auf dem Spielplatz. Während es bei Jungen gesellschaftlich akzeptiert (und oft heimlich gefördert) wird, dass sie sich raufen, ihre Grenzen austesten und sich körperlich durchsetzen, wird dasselbe Verhalten bei Mädchen sanktioniert. "Mädchen tun sowas nicht", heißt es. Das Resultat: Kraft, Aggressionsbewältigung und körperliche Durchsetzungskraft werden bei Frauen gesellschaftlich nicht nur nicht gefördert, sie sind regelrecht unerwünscht.


2. Getrennter Turnunterricht: Die verpasste motorische Entwicklung Dieser soziale Graben zieht sich bis in die Schulen. Der getrennte Sportunterricht zementiert die Idee, dass Mädchen anders (und meist weniger intensiv) trainieren müssen als Jungen. Der Fakt ist: Motorik ist nicht angeboren, sie wird erlernt. Studien zeigen deutlich, wie sich die Bewegungsabläufe und Motorik von Mädchen verändern und kraftvoller werden, wenn sie in jungen Jahren gemeinsam mit Jungs trainieren dürfen. Wir entziehen Mädchen schlichtweg die Möglichkeit, dasselbe Körpergefühl und dieselbe Koordination für "harte" Sportarten zu entwickeln, weil wir sie in Schonwaschgang-Gruppen stecken.


3. Das Fußballfeld-Paradoxon: Wer leistet hier eigentlich mehr? Schauen wir uns den Sport an. Es heißt oft, Frauenfußball sei "langsamer" oder "weniger dynamisch". Setzen wir das in Relation: Die durchschnittliche Frau ist kleiner als der durchschnittliche Mann. Dennoch spielen Fußballerinnen auf genau demselben Feld, mit genau denselben Toren und demselben Ball.

  • Würden wir die Proportionen angleichen, müssten Frauen auf kleineren Feldern spielen.

  • Da sie das nicht tun, müssen sie im Verhältnis zu ihrer Körpergröße mehr Distanz zurücklegen als Männer.

  • Eine Torhüterin muss im Verhältnis zu ihrer Körpergröße ein viel größeres Tor verteidigen als ein männlicher Torwart.

Wenn man diese proportionalen Nachteile berechnet, leisten Frauen in diesen Sportarten relativ gesehen oft sogar mehr als Männer, um das Feld und das Spielgerät zu beherrschen.


Die Wahrheit über die Muskeln, das Stigma und die Medizin

Zugegeben, Männer haben durch das Testosteron einen kleinen biologischen Vorteil im Aufbau der absoluten Spitzenmasse. Ich spreche hier von Extremsport wie Bodybuilding etc. Doch die Sportwissenschaft ist sich einig: Das prozentuale Muskelwachstum bei Frauen, die mit dem Krafttraining beginnen, ist nahezu identisch mit dem von Männern. Das Potenzial für enorme relative Kraftsteigerungen ist da – es wird nur im Keim erstickt.


Ein weiterer blinder Fleck: Jahrhundertelang wurde Sportwissenschaft nur an Männern erforscht. Trainingspläne für Frauen waren oft einfach „Männer-Pläne mit etwas weniger Gewicht“. Die weibliche Physiologie – wie etwa zyklusbasiertes Training, das extreme Leistungssteigerungen ermöglicht – wurde durch diesen Gender Data Gap komplett ignoriert. Frauen konnten ihr volles Potenzial gar nicht ausschöpfen, weil sie nach den Regeln des männlichen Körpers trainiert wurden.


Ich selbst durfte in meiner aktiven Sportzeit erleben, dass ich Frauen immer wieder völlig unterlegen war, weil sie mir körperlich, mental und technisch überlegen waren. Nicht, weil sie einfach top-talentiert waren. Oder völlig vermännlicht. Nein, weil sie schlichtweg härter und intensiver trainierten als ich. Damals war ich sogar Vize-Schweizermeister im Teamkampf. Ich spreche hier von nichts anderem als dem Karate Kampfsport.


Und wenn dann eine Frau tatsächlich mit viel Freude am Sport und an ihrem Körper Bizeps und Sixpack entwickelt hat und somit körperliche Präsenz zeigt, wird sie zur ‹Mannfrau› degradiert. Das Stigma wirkt immer noch: auf die Ansichten von Frauen und Männern gleichermaßen.


Erfolgreiche Athletinnen kämpfen oft an zwei Fronten: gegen ihre sportlichen Gegnerinnen und gegen die öffentliche Meinung, dass sie in dieser Arena eigentlich nichts verloren haben. Dieses Stigma ist eine unsichtbare Barriere, die viele Frauen davon abhält, überhaupt erst mit ernsthaftem Kraft- oder Kampfsport zu beginnen.

Ich kann mich an ein Interview erinnern mit Jennifer Hermoso, der sehr erfolgreichen spanischen Fußballspielerin, die im Nationalteam spielt. Sie erzählte von einem Gespräch, das sie mit ihrer Mutter hatte. Ihre Mutter sagte ihr damals, als sie mit Fußball begann: «Es gibt keinen Frauenfußball.» Hermoso antwortete: «Solange ich Fußball spiele, gibt es Frauenfußball.» Das ist sie, die neue Frau - die Frau, die sich vom Patriarchat befreit hat.


Es ist Zeit, dass wir aufhören, Weiblichkeit mit Zerbrechlichkeit zu verwechseln. Es ist Zeit, dem Frauenkörper unseren wahren Respekt entgegenzubringen. Der Wert eines Frauenkörpers ist nicht alleine dadurch gegeben, dass sie eine Gebärmutter trägt. (Ein Organ übrigens, dessen Hoheit sich die Frauen in der Politik von den Männern erst wieder zurückholen mussten!)

Das eigene körperliche Limit auszutesten, Gewichte zu heben, Kampfsport zu trainieren und physischen Raum einzunehmen, ist nicht unweiblich – es ist der vielleicht radikalste Akt der Emanzipation. Das "schwache Geschlecht" ist keine biologische Endstation. Es ist eine Erfindung. Und es liegt an jeder und jedem Einzelnen von uns, dieses Narrativ endgültig zu zerschlagen.


Ich weiß nicht, was es ist. Als ich diesen Blog das erste Mal ganz durchlas, war ich tief berührt und ja, sogar Tränen stiegen in mir auf. In mir war diese seltene Mischung von Wut und Trauer, Schreien und Stille, alles zur selben Zeit.

Ungerechtigkeiten wühlen mich auf.

So lasse ich es stehen mit den Worten von Amanda Gorman:


«The new dawn blooms

as we free it

for there is always light

if only we're brave enough

to see it,

if only we're brave enough

to be it.»


(Die neue Morgendämmerung erblüht,

wenn wir sie befreien,

denn es gibt immer Licht,

wenn wir nur mutig genug sind,

es zu sehen,

wenn wir nur mutig genug sind,

es zu sein.)


Studien und Quellen:

Studie zur Notwendigkeit von koedukativem (gemischtem) Sportunterricht: Eine Studie, die im Fachjournal BMC Pediatrics (und im National Center for Biotechnology Information) veröffentlicht wurde, untersuchte die motorischen Fähigkeiten von Vorschulkindern. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Unterschiede (wie z. B. Jungs beim Werfen, Mädchen bei der Balance) künstlich entstehen. Die Autoren fordern explizit: „Sportunterricht sollte koedukative (gemischte) sportliche Aktivitäten fördern, um zu versuchen, diese Geschlechterunterschiede zu beseitigen.“ Link zur Studie (Englisch): Gender Differences on Motor Competence in 5-Year-Old Preschool Children 


Studie zur Ursache der motorischen Unterschiede: Eine sehr umfassende Überprüfung der sogenannten Movement Assessment Battery for Children (einem weltweiten Test für Motorik) zeigt auf, warum Jungen oft bei der "Objektkontrolle" (Bälle, Werfen, Kraft) besser abschneiden und Mädchen bei der Fortbewegung und Balance. Die Forscher stellen klar fest: „Diese Unterschiede werden normalerweise darauf zurückgeführt, wie sie ihre Freizeit verbringen: Jungen spielen normalerweise mehr mit Bällen, während Mädchen Aktivitäten wie Seilspringen und andere Balanceaufgaben im Zusammenhang mit Gymnastik ausführen.“ (Die Motorik ist also das reine Resultat der gesellschaftlichen Erwartung, wer was spielen soll). Link zur Studie (Englisch): Do Girls Have an Advantage Compared to Boys When Their Motor Skills Are Tested?  


 
 
 

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