Zeit, das sexuelle Drehbuch zu kübeln: Warum wir Männer im Bett privilegiert sind.
- Roger Spiess

- vor 6 Stunden
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In meinen langen Jahren als Sexual Healing Therapeut, der auch mit der Surrogat Therapy arbeitete (temporärer Sexualpartner im therapeutischen Sinne), wurde ich entweder belächelt oder – und das am allermeisten – als sehr erfahrener Liebhaber angesehen, der wirklich weiss, wie Sex geht. Einer, der weiss, wie Frauen funktionieren und immer auch weiss, was sie brauchen oder nicht brauchen.

Und dabei weiss ich bis heute nicht, was ‹Frauen› in der Sexualität brauchen, wie man sie behandelt oder gar sicher zum Orgasmus führt. Ich weiss allerhöchstens, dass ich jedes einzelne Menschenwesen zuerst einmal sexuell kennenlernen darf, um dann gemeinsam ‹unsere› Sexualität zu gestalten. Es gibt keine Gebrauchsanweisung für ‹die Frau›.
Dass ich das nicht weiss, liegt aber nicht daran, dass die weibliche Sexualität komplizierter wäre oder mehr Anlaufzeit braucht. Zu viele Studien belegen das Gegenteil: Beim Masturbieren erreichen Frauen ihren Orgasmus im Schnitt gleich schnell wie Männer. Sie haben auch ziemlich genau so viel Lust auf Masturbation wie Männer.
Nur: Heterosexuelle Männer erreichen beim Partnersex in 95 % der Fälle ihren Orgasmus. Heterosexuelle Frauen erreichen ihn beim Partnersex nur in 65 % der Fälle.
Hilflose Erklärungen dazu – Frauenkörper reagierten langsamer, seien komplizierter oder bräuchten biologisch gesehen weniger Orgasmen als der Mann (ein «Spermiendruck», den es so gar nicht gibt) – halten sich hartnäckig. Dabei gibt es einen klaren Gegenbeweis: Homosexuelle Frauen kommen in fast 90 % der Fälle zum Orgasmus.
Das Problem ist also nicht die weibliche Biologie. Es ist unser gesellschaftliches Drehbuch für heterosexuellen Sex.
Es ist die Art und Weise, wie wir sozialisiert werden. Pornos und Romane spielen hier eine grosse Rolle, das ist uns allen bewusst. Ich möchte hier aber auf die hinterlistigen, subtilen Einwirkungen sensibilisieren. Nehmen wir das Beispiel Filme: Zu oft wird dieser Ablauf in netten Hollywood-Streifen wie auch in alternativen Filmen, die Jugendlichen zugänglich sind, wiederholt.
Das typische Beispiel: Endlich findet sich das Liebespärchen. Sie stellen fest, was der Zuschauer schon lange weiss – dass sie sich lieben. Möglichst noch in einer Küche. Liebe und sexuelle Energie übernehmen das Kommando, sie küssen sich leidenschaftlich, er hebt sie auf den Küchentisch. Untenherum, nicht sichtbar, nesteln sie anscheinend an den Kleidern rum, dann ein Ruck, sie stöhnt auf, er scheint sie endlich penetriert zu haben. Pure Wollust bei beiden und im besten Fall fliesst sie schon in ihren Orgasmus. Die Kamera fährt nun fast schon beschämt weg, am besten aus einem Fenster, das vor lauter sexueller Intensität bereits beschlagen ist.
Was für eine katastrophale Message an uns! Und wir haben uns sogar noch daran gewöhnt. Denn: Diese Szenen dauern in etwa genau so lange, wie du brauchtest, um sie gerade zu lesen. Alles geht super schnell. Und am schlimmsten dabei: Die Penetration steht im Mittelpunkt, damit ist es getan und die Kamera zoomt weg.
Das soll Sex sein? Nein. Das ist irgendetwas anderes. Da muss ich gestehen: Wenigstens bedienen Pornos keine Scham.
Und doch gilt dieses Drehbuch dafür, wie Sex sein sollte, noch heute. Es hat aber mit befreiendem Sex nichts zu tun, weil es auf folgenden strukturellen Schieflagen beruht:
1. Die Definition von «richtigem» Sex (Koitozentrismus) In unserer Kultur wird Sex fast ausschliesslich als Penetration (das Eindringen des Penis in die Vagina) definiert. Alles, was davor passiert, wird als «Vorspiel» abgewertet – eine blosse Vorbereitungsphase. Die biologische Realität der Frau sieht aber anders aus: Nur etwa 18 bis 25 % der Frauen können allein durch vaginale Penetration zum Höhepunkt kommen. Die grosse Mehrheit benötigt zwingend die gezielte Stimulation der Klitoris. Weil unser kulturelles Skript dies aber nicht als Hauptakt, sondern höchstens als Beigemüse ansieht, gehen viele Frauen beim reinen Rein-Raus-Akt leer aus.
2. Der männliche Höhepunkt als Schlusspfiff Besonders stossend für mich ist einer der harten Beweise, wie sehr Männer über das Liebesspiel herrschen: Der Sex ist dann beendet, wenn der Mann seinen Orgasmus hatte. Er nimmt für sich in Anspruch, meistens der Initiant für Sex zu sein, und bestimmt auch, wann Schluss ist. Dann wird im besten Fall noch etwas gekuschelt, oder er schläft ein. Hatte die Frau bis zu diesem Zeitpunkt keinen Höhepunkt, hat sie schlicht Pech gehabt. Ihr Orgasmus ist ein «Nice-to-have», der des Mannes ein absolutes Muss – und meistens auch garantiert.
3. Das medizinische und gesellschaftliche Schweigen Die weibliche Anatomie – insbesondere die Klitoris – war über Jahrzehnte ein medizinisches Tabu. Noch bis in die späten 1990er-Jahre fehlte in vielen Anatomiebüchern die korrekte, vollständige Abbildung der Klitoris (die weit ins Körperinnere reicht und viel grösser ist als die kleine sichtbare Perle). Männern (und auch Frauen) wurde das Wissen über die Funktionsweise der weiblichen Lust schlicht vorenthalten. Die männliche Anatomie hingegen wurde bis ins letzte Detail erforscht und gelehrt.
4. Das männliche Ego und die weibliche Gefälligkeit Frauen werden von klein auf zur Fürsorge und zur Harmoniebedürftigkeit erzogen (People-Pleasing). Das setzt sich bis ins Schlafzimmer fort. Die sexuelle Frauen-Sozialisierung zielt immer noch stark darauf ab, das Ego eines Mannes nicht zu verletzen. Viele Frauen täuschen Orgasmen vor. Nicht primär aus Boshaftigkeit, sondern um dem Mann nicht das Gefühl zu geben, in seiner Männlichkeit versagt zu haben, um den Sex zu beenden, wenn er schmerzhaft oder langweilig geworden ist, oder um schlicht die Erwartungshaltung zu erfüllen, dass sie «funktioniert».
Wir Männer hatten und haben das Privileg, in der Regel nicht darüber nachdenken zu müssen, ob wir dem Partner zuliebe einen Orgasmus vortäuschen müssen, um dessen Selbstwertgefühl zu schützen. Unser Körper und unsere Lust durften immer unangefochten im Zentrum stehen. Für uns Männer ist Sex fast immer ein garantierter Erfolg.
Es sei denn, die Erektion weigert sich, aktiv zu werden. Dass dies für viele Männer der absolute Supergau ist, unterstreicht nur die hohe Priorität, welche die Penetration hat. Ohne Penetration ist es kein Sex, ohne Erektion gibt es keine Penetration – die vermeintliche Niederlage ist perfekt und zerstörerisch für das Ego. Auch ich erlebte dies hin und wieder genau so.
Für viele Frauen hingegen ist Sex ein Roulette-Spiel.
Dieses alte Drehbuch gehört ins letzte, vergangene Jahrtausend. Es liegt an uns Männern, diese elende Struktur – die wir uns zwar nicht ausgesucht haben, sondern die uns als einziger Weg in die Hände gedrückt wurde (!) – nun endlich zu kübeln.
Es liegt mir fern, die Penetrations-Fixiertheit nur bei den Männern orten zu wollen. Auch Frauen kennen den Wunsch nach Penetration, bei ihnen das vaginale Begehren genannt, sehr gut. Nur: wird die Penetration zur Definition von Sex, wirds langweilig. Sex ist sehr viel mehr, als 'nur' Penetration. Dazu mehr in einem meiner folgenden Blogs.
Ich danke dir fürs Lesen und freue mich auf viele Kommentare.
Super Artikel!!!