Warum das Forschungsseminar ‹Ur-Sexualität›?
- Roger Spiess

- 28. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Weil Sexualität nicht einfach so funktioniert, sondern weil sie erlernt werden darf. Und dazu gibt es nur eine Lehrerin: Du selbst.
Wir beginnen eigentlich auf einem guten Weg, den Lehrer in uns zu aktivieren, indem wir uns auf die Suche nach dem grossen Mysterium Sexualität begeben. Diese Suche beginnt in einer der grossen Pubertäten, in den tiefen Teenjahren – und dauert an, unser ganzes Leben.

Vor der Pubertät sind wir schon lange sexuelle Wesen. Wir erleben sie an uns selbst, fühlen, wo sich die empfindlicheren Stellen unseres Körpers befinden. Ja, wir geniessen schon als Babys die körperliche Nähe zu den Eltern. Und wer ein frisch gestilltes Baby gesehen hat, spürt, wie tief genährt sein und körperliche Berührung befriedigen kann.
Diese Sexualität erleben wir als Baby und Kleinkind als pure Schönheit, und sie ist noch keinen Regeln oder Sozialisierungen unterstellt. Das ändert sich mit der Zeit und mit dem Erkennen, dass ich auch ein Beziehungswesen bin. Schon im Kindergarten gibt es andere Kinder, die einfach interessanter sind als die andern. Weshalb? Keine Ahnung... aber erste Liebesgefühle, Anziehung und Faszinationen sind schon da. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es ein anderes Kind ist oder die Kindergärtnerin. Die Gefühle sind noch nicht durch gesellschaftliche Ansichten bearbeitet worden.
Sexuelle Aufklärung beginnt beim Fühlen
Aber eines ist sicher: Wir suchen, ja wir brauchen den Kontakt zu andern Menschen. Weil wir auch Beziehungswesen sind. Wir spüren das instinktiv.
Viele Eltern sagen mir, man solle durch sexuelle Aufklärung die Kinder nicht zu früh mit Sexualität bekannt machen. Nun, das Problem mit den Erwachsenen ist, dass sie schon lange die Natürlichkeit der Sexualität mit ihren Vorstellungen und Ängsten vermischt haben. Ein sechsjähriges Kind interessiert es nicht, wie Sex geht. Aber ein sechsjähriges Kind kann schon Gefühle für ein anderes Mädchen oder einen Jungen im Kindergarten entwickeln. Als Eltern diese Gefühle zu bestätigen, mit dem Kind zusammen festzustellen, dass dies ganz schön aufregende Gefühle sein können... das ist sexuelle Aufklärung von höchster Wichtigkeit. Sie nimmt die wahre Essenz von Sexualität auf: Sich selbst fühlen und geniessen dürfen.
All das ändert sich mit den Jahren. Eltern, die Sexualität in der Erziehung ihrer Kinder bisher kaum oder nie thematisierten, geraten spätestens jetzt in ein gröberes Hintertreffen: Ihre Kinder erfahren erste Eindrücke über ihre Peers oder von der Instanz, die im Gegensatz zu den Eltern alle Antworten auf ihre Fragen liefert: das Internet. Von dort ist es nicht mehr weit zum ersten Porno. Und Porno vermittelt auch Bilder, nach welchen gar nicht gefragt wurde.
Ich sage vielen Eltern: Sprich mit deinen Kindern über Sex, bevor es die Sex-Industrie tut. Denn die Sex-Industrie wird es ganz sicher tun.
Das Problem mit dem inneren Drehbuch
Unsere Sozialisierung lässt, was Sexualität anbelangt, nichts aus. Sie sagt uns, wie sie sein sollte, ja sogar wie sie zu sein hat, und was die massgebenden Ziele sind. Sie lehrt uns, was ‹normal› ist und was nicht. Und dabei übersehen wir das Wichtigste: Diese Belehrungen flüstern uns auch ein: ‹Das, was ich fühle, kann falsch sein und als abnormal verurteilt werden.›
Weil uns Scham über unsere innersten Sehnsüchte und über unseren Körper gelehrt wurde, haben diese moralischen Regeln so viel Macht über uns. Wir vertrauen lieber dem, was etabliert ist: den angelernten Drehbüchern.
Leistungsdruck statt Präsenz: Wir wollen gefallen, "gut" im Bett sein und den Partner oder die Partnerin befriedigen.
Ziele statt Wege: Der Fokus liegt starr auf dem Orgasmus oder der Penetration.
Rollen statt Authentizität: Wir spielen die Rolle des leidenschaftlichen Liebhabers oder der hingebungsvollen Partnerin, anstatt zu spüren, wer wir in genau diesem Augenblick wirklich sind.
Wenn wir diesem Skript folgen, sind wir zwar körperlich anwesend, aber emotional und seelisch oft meilenweit voneinander entfernt. Wir begegnen nicht unserem Gegenüber, sondern unseren Vorstellungen voneinander.
Der Mut zur Verletzlichkeit: Unser ehrlichster Raum der Begegnung
Doch was passiert, wenn wir all diese Bilder, Lehren und Vorstellungen loslassen? Wie finden wir zurück zu dieser unschuldigen "Ur-Sexualität"?
Sexualität ist weit mehr als ein körperlicher Akt oder eine biologische Funktion. Wenn wir es zulassen, ist sie das vielleicht wichtigste und intimste Feld der Begegnung zwischen zwei Menschen. Es ist der Raum, in dem wir uns nicht nur gegenseitig, sondern auch uns selbst auf einer Tiefe erfahren, erforschen und erkennen können, die im Alltag selten möglich ist.
Doch diese Magie entsteht nur unter einer Bedingung: radikaler Ehrlichkeit.
Echte Begegnung erfordert echte Verletzlichkeit. Sie beginnt mit der Bereitschaft, sich wirklich nackt zu machen – und das meine ich in erster Linie emotional.
Sich in der Sexualität authentisch, ehrlich und verletzlich zu zeigen, erfordert enormen Mut. Es bedeutet, die Maske der Perfektion fallen zu lassen. Es bedeutet auszusprechen, was sich gerade gut anfühlt und was nicht. Es heisst, auch Unsicherheiten, Ängste oder eine plötzliche emotionale Welle zuzulassen, ohne sie sofort wegzudrücken, weil sie vermeintlich "die Stimmung killen".
Wenn wir uns ehrlich einlassen, transformiert sich die Sexualität:
Vom Tun zum Sein: Wir müssen nichts mehr "leisten". Wir dürfen einfach spüren.
Von der Scham zur Akzeptanz: Indem wir unsere wahren Bedürfnisse und Grenzen zeigen, geben wir auch dem Partner die Erlaubnis, genau das zu tun.
Vom Körperlichen zum Seelischen: Die Berührung geht buchstäblich unter die Haut und erreicht unser Innerstes.
Die Freiheit jenseits von Orgasmus und Penetration
Jede Berührung ist per se Sexualität. Sie wird nämlich dann zur Sexualität, wenn du mit deiner vollen Präsenz und Achtsamkeit in der Berührung bist – egal, ob du sie gibst oder empfängst.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine Übung, die ich in Seminaren und Sessions gerne mache: Mit verbundenen oder geschlossenen Augen die Hände des Gegenübers erforschen. Die Aufgabe dabei ist, sich vorzustellen, dass du diese Hände nicht kennst und es die ersten Hände sind, die du jemals berührt hast.
Alle Sinne sind jetzt bei diesen Händen. Die Präsenz ist äusserst hoch. Und so auch die Stille, die zwischen beiden jetzt herrscht. Körpersprache und Körperkontakt sind still, auch in der Bewegung. Echte Verbindung braucht keine Worte. Und wenn sie dann ihre Augen öffnen, lade ich sie ein, das Gesicht des Gegenübers – auch wenn sie schon seit vielen Jahren in einer Beziehung sind – neu zu erkennen, als wäre es das erste Gesicht, das sie jemals sahen. Das löst sehr oft tiefe und berührende Emotionen aus.
Wenn Sexualität nicht orgasmus-fixiert oder zwingend penetrativ sein muss, öffnet sich ein riesiger Spielplatz der Wahrnehmung:
Wir können uns Zeit nehmen, nicht nur Hände und Gesicht, sondern jeden Zentimeter Haut neu zu entdecken.
Wir lernen, dem eigenen Körper wieder zuzuhören: Wie fühle ich mich? Bin ich voll da? Oder verstricke ich mich in Zielen und Leistungen? Was brauche ich jetzt in diesem Moment?
Wir atmen gemeinsam, blicken uns in die Augen und halten den Raum für alles, was hochkommen möchte.
In dieser Langsamkeit und Ziellosigkeit finden wir die tiefste Verbindungsqualität. Wir synchronisieren unsere Nervensysteme, lernen die feinste Körpersprache unseres Gegenübers zu lesen und bauen ein Fundament aus blindem Vertrauen auf.
"Die Fragen oder Feststellungen nach dem Sex sollten nicht sein: War ich gut? War der Sex für beide gut? Was möchte ich das nächste Mal noch als Steigerung einbringen? Sondern: Wie präsent und verbunden war ich?"
Das Wagnis der Echtheit: Deine Ur-Sexualität erforschen
Aus genau dieser Essenz meiner langjährigen Arbeit mit der Sexualität habe ich das Forschungsseminar ‹Ur-Sexualität› ins Leben gerufen. Denn Sexualität als Begegnungsfeld zu nutzen, bedeutet, sie als eine fortlaufende Forschungsreise zu betrachten. Es geht nicht darum, den perfekten Ablauf zu finden, sondern darum, immer wieder neu einzuchecken: Wo bin ich heute? Wo bist du? Wie können wir uns in diesem Moment wahrhaftig begegnen?
Es geht darum, uns als einmalige Wunder wahrzunehmen. Die Sexualität als das Begegnungsfeld zu sehen, in das wir mit allem eintreten, wer und was wir sind. Damit du mit dir, und dein Gegenüber mit sich selbst, gemeinsam den Raum mit Euren Essenzen neu träumt und neu gestaltet.
Es mag Träume und Bedürfnisse geben, die gerne wiederholt werden. Vergiss dabei nicht, dass du diese Momente nicht als Instant-Befriedigung von etwas ansiehst, das dich im Innersten beschäftigt. Erinnere dich daran, dass sich Sehnsüchte in Kraft verwandeln, in dem Moment, wo sie sich erfüllen und in ihrer ganzen Energie verwirklichen können, indem du nichts zurückhältst oder weglässt.
Lass beim nächsten Mal, wenn du intim wirst, deine Drehbücher vor der Schlafzimmertür liegen. Vergiss für einen Moment, was "normal" ist. Sei unbeholfen, sei mutig, sei leise oder laut – aber vor allem: Sei du selbst. Denn nur dort, wo wir unsere Verletzlichkeit offenbaren, kann wahre Intimität entstehen.
Bist du bereit für diese Forschungsreise?
Wenn dich diese Worte in einer tiefen Sehnsucht berühren und du Lust hast, dich selbst weiter zu erforschen, lade ich dich von Herzen ein zum Forschungsseminar ‹Ur-Sexualität› vom 10. bis 13. September 2026 in der Schweibenalp.
Für wen ist dieser Raum? Da wir in diesen Tagen in tiefe Schichten unserer Sexualität und Verletzlichkeit eintauchen, richtet sich dieses Seminar exklusiv an fortgeschrittene Singles und Paare. Es ist wichtig, dass du bereits Erfahrung in der Selbsterforschung mitbringst – sei es durch ein Tantra-Jahrestraining, intensive Persönlichkeitsentwicklung oder die Arbeit mit eigenen Traumata in der Therapie.
Um einen absolut sicheren, vertrauensvollen und stimmigen Raum für die ganze Gruppe zu gewährleisten, ist der Anmeldeprozess bewusst achtsam gestaltet: Er beinhaltet einen detaillierten Fragebogen und ein persönliches Vorgespräch mit mir, bevor du dich fest anmelden kannst.
Alle weiteren Details, Voraussetzungen und den Weg zur Bewerbung findest du hier: 👉 Ur-Sexualität Das Forschungsseminar
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