Echter Sex: Worum sich Männer beim Sex wirklich kümmern sollten
- Roger Spiess

- 21. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Damit wir uns gleich auf derselben Ebene treffen: Auch ich kenne die Momente gut, wo ich wollte, aber mein Penis hatte andere Pläne. Das waren und sind Momente, wo ich die Wucht meiner Sozialisation, die mein Funktionieren zur Definition von Männlichkeit macht, am tiefsten trifft. Und dies trotzdem, dass ich weiss, woher diese unnötigen Gefühle und
Verurteilungen herkommen.
Sie kommen aus den Definitionen von Männlichkeit und Sexualität. Erobern, Penetrieren, Orgasmus, wobei der sozialisierte Mann mit seinem Orgasmus wartet, bis seine Partnerin den ihren hatte.

Für viele Männer gilt: Der erigierte Penis ist das Werkzeug, das den eigenen Orgasmus und den der Partnerin garantieren soll. Ein Werkzeug, das bitteschön nicht nachlässt, bis alle Beteiligten befriedigt sind. Das heisst, der Mann überlässt seinen Orgasmus, oder seine Erektion nicht dem Zufall, sondern vertraut nur seiner Kontrolle darüber.
Dabei sind Erektion und Orgasmus Reflexe, die sich nicht kontrollieren lassen. Kein Mann kann willentlich eine Erektion erzeugen, so wie er willentlich seinen Arm in die Höhe strecken kann. Alles was Mann dazu tun kann ist, diese Reflexe in ihrer Auslösung zu manipulieren. Zum Beispiel in dem er, und natürlich auch Frauen, ihre eigenen oder auch antrainierten Erregungs-Quellen aktivieren. Nur, und jetzt zeigt sich schon der Seiltanz in grosser Höhe der Männer, muss einer dieser Reflexe im richtigen Moment auslösbar sein (Erektion), und der andere unterdrückt und für eine längere Zeit verhindert werden (Orgasmus). Ersteres ist sehr oft eine rein mechanische Lösung, indem der Penis mit der Hand oder oral zum Reflex ‹gezwungen› wird und zweiteres ist eine rein kognitive Leistung, die sich zwangsläufig vom Körper trennt, und somit vom wohl wichtigsten in der Sexualität überhaupt: die Gefühle.
Ich kann dies unter anderem daraus schliessen, dass die Probleme von Männern im Bett sich praktisch immer um diese zwei Themen drehen. Ich habe es in meiner Zeit als Therapeut tatsächlich nur einmal erlebt, wo ein Mann darunter litt, dass er seine verminderte Fähigkeit zu Bindungsaufbau und Verbindung zum Menschen mit dem er Sex hatte, nicht halten konnte, und mit diesem Thema auch zu mir kam.
Und so gilt für viele Männer, auch wenn vieles das jetzt kommt eigentlich schon hinlänglich bekannt ist, immer noch:
1. Die Leistungsfalle der männlichen Sozialisation
Männliche Sexualität wird gesellschaftlich noch immer stark mechanistisch und leistungsorientiert gerahmt. Ein Mann lernt früh: Männlichkeit definiert sich über Funktionalität, Ausdauer und Kontrolle. Wenn es im Bett nicht klappt, empfinden viele Männer das nicht als ein Beziehungs- oder Bindungsproblem, sondern als ein persönliches, handwerkliches Versagen. Die Erektion wird zum ultimativen Beweis der eigenen Männlichkeit und des eigenen Werts. Bindungsfähigkeit hingegen taucht im klassischen Skript männlicher Identität kaum als Messgröße für Erfolg auf. Dies ist auch wie schon oben angesprochen, der Punkt, indem viele Frauen von ihren männlichen Sexualpartnern alleine gelassen werden, ohne dass die Männer das merken: Während der Mann sich auf seine Strategien des ‹guten Sex› konzentriert, ist er nicht mehr wirklich präsent und ‹da›. Soviele Männer erzählten mir, und als junger Mann gehört ich dazu, wie sie während dem Sex an die Steuern denken, oder den nächsten Service fürs Auto, nur um den Reflex des Orgasmus damit zu unterbinden. Was für eine Verschwendung an Zeit um sich selbst an Verbindung, Nähe und Berührungen zu nähren. Und besonders fatal: Es ist ein gutes Training seinen eigenen Körper und damit die eigenen Gefühle vom Sex zu trennen. Dieses Training irgendwann wieder rückgängig zu machen, kann eine Weile dauern.
2. Das Symptom als „Eintrittskarte“
Männer suchen oft erst dann Hilfe, wenn etwas „kaputt“ ist und repariert werden muss. Eine erektile Dysfunktion oder eine Ejaculatio praecox sind messbare, physische Probleme. Sie sind gewissermaßen die legitime Eintrittskarte in die Therapie. Zu sagen: „Mein Penis funktioniert nicht, mach ihn wieder heil (funktionstüchtig)“, ist für viele Männer deutlich weniger bedrohlich als zu sagen: „Ich fühle mich meiner Partnerin nicht mehr nah“ oder „Ich habe Angst, mich emotional fallen zu lassen.“ Solche Aussagen sind für viele Männer in diesem Kontext grosse Red Flags, und unterstreichen das Bild des Mannes, der alles im Griff hat, nicht. Das mechanische Problem dient als Schutzschild vor der tieferliegenden emotionalen Verletzlichkeit.
3. Der Körper als Sprachrohr (Somatisierung)
Männer leiden weitaus häufiger als Frauen unter Alexithymie (Gefühlsblindheit) – also der Schwierigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen und in Worte zu fassen. Und es ist uns mittlerweile klar geworden: Unterdrückte Gefühle und Wünsche somatisieren sich unweigerlich nach einer gewissen Zeit. Oder, etwas bildlicher gesprochen: Gefühle bewegen. Werden sie unterdrückt und 'gefangen genommen' verlieren sie ihre Bewegungsfreiheiten: Die Energie kristallisiert. Dieses kristallisieren lässt keine Bewegung mehr zu, die es brauchen würde, um Prozesse und Wandlungen in Ganz zu halten, damit sie sich erfüllen und damit auflösen können. Kommen wir in die Nähe dieser Kristallisationen, schmerzt es uns, weil sie unsere Bewegung (Freiheit) einschränken. Der Trigger ist geboren.
Wenn dazu noch die Worte für Bindungsängste, Stress, Leistungsdruck oder Beziehungsfrust fehlen, übernimmt der Körper das Sprechen. Die Erektionsstörung ist in vielen Fällen genau das: ein manifestiertes Bindungsproblem. Der Penis streikt, weil die emotionale Verbindung fehlt oder überlastet ist. Der Mann fokussiert sich dann auf das Symptom (die fehlende Erektion), weil er die eigentliche Ursache (die fehlende Bindung) weder benennen noch begreifen kann, oder schlichtweg aus angelerntem vermeintlich 'männlichen' Verhalten verdrängt. Bei so vielen Männern konnte ich so gut und offensichtlich beobachten, das sie tiefere Bindung, Vertrautheit und Ehrlichkeit miteinander sehr selten bis gar nie als Aphrodisiakum oder als sexuell anziehend oder erregend erlebten.
4. Die Illusion der Machbarkeit
Bindung ist komplex, dynamisch, oft widersprüchlich und erfordert Hingabe und Kontrollverlust. Das ist für viele Männer beängstigend. Eine Erektion (oder das Hinauszögern des Samenergusses) wirkt dagegen wie ein technisches Problem, das man mit der richtigen Technik, einer Pille oder Übung „in den Griff“ bekommen kann. Männer stürzen sich auf das funktionale Problem, weil es ihnen das Gefühl gibt, Handlungsmacht und Kontrolle zu behalten, während sie sich in der Beziehungsdynamik oft ohnmächtig fühlen.
Und das berührendste für mich in all diesen Phänomenen und Themen?
Die Männer spüren irgendwo in sich drin, an versteckten und oft unbewussten Orten genau, was sie eigentlich im Sex wollen. Wenn ich also Männer frage, was sie sich am allermeisten beim Sex wünschen, dann sagen sehr viele: Eine Frau die sich mir voll hingibt, sich mir ganz öffnet und ich mich wirklich Willkommen fühle. Ich finde das wunderschön und schrecklich zugleich, weil es einerseits von echter tiefer Verbindung spricht die wir uns alle wünschen, und andererseits aufzeigt, dass so viele Menschen nicht wissen oder spüren, wie sie diese Energien auch in ihrer Sexualität einbringen können. Mit Mechanik, Strategien und Glaubenssätzen ganz sicher nicht.
Der Weg aus der Mechanik: Drei Schritte zu echtem Sex
Der Schritt aus der Mechanik ist keine neue Technik, die wir lernen müssen, sondern vielmehr ein Verlernen. Es ist die bewusste Entscheidung, die Rüstung des Funktionierens abzulegen. Wie das gelingen kann? Durch drei entscheidende Veränderungen in unserem Handeln und Denken:
1. Die radikale Ehrlichkeit (Die Pause) Der erste und mutigste Schritt aus der Mechanik heraus ist paradoxerweise der Verzicht auf das Kaschieren. Wenn du merkst, dass dein Kopf gerade wieder die Steuererklärung macht oder der Penis nicht so will wie dein Plan es vorsieht: Halte inne. Stoppe deine Handwerkskunst. Schau dem Menschen, mit dem du intim bist, in die Augen und wage die radikale Ehrlichkeit. Sag: „Ich spüre gerade einen enormen Druck, funktionieren zu müssen, und bin mit dem Kopf ganz woanders. Lass uns einfach kurz atmen.“ In genau diesem Moment der Verletzlichkeit – wenn die Maske des perfekten Liebhabers fällt – entsteht jene echte, tiefe Verbindung, nach der wir uns eigentlich sehnen. Plötzlich geht es nicht mehr um Leistung, sondern um Begegnung.
2. Den Kontrollverlust zulassen (Das Ziel streichen) Wie kommen wir aus dem Kopf zurück in den Körper? Indem wir das Ziel streichen. Ein praktischer Schritt heraus aus der Mechanik ist die bewusste Entscheidung, den Orgasmus – den eigenen wie den der Partnerin – für eine Weile komplett aus dem Drehbuch zu nehmen. Wenn das Ziel der Entladung wegfällt, stirbt auch der Leistungsdruck. Ohne Ziel gibt es nichts zu kontrollieren und keinen Reflex zu manipulieren. Was bleibt, ist der Raum für das reine Spüren: Wie fühlt sich die Haut an? Wie atmen wir miteinander? Wer die Mechanik verlassen will, muss aufhören, Sex als Projekt mit Ziellinie zu betrachten, und anfangen, Berührung als absichtslosen Zustand zu erleben.
3. Der Fokus-Wechsel (Die neue innere Frage) Der Ausweg aus der Leistungsfalle manifestiert sich schließlich in einer simplen, aber tiefgreifenden Verschiebung unserer inneren Ausrichtung. Wenn wir intim werden, müssen wir aufhören uns zu fragen: „Wie halte ich meine Erektion und wie bringe ich sie zum Höhepunkt?“ Die einzige Frage, die uns in den echten Sex führt, lautet: „Wie kann ich mich jetzt, in diesem Moment, mit diesem Menschen verbunden fühlen?“ Wenn Verbindung das primäre Ziel wird, darf der Penis auch mal weich bleiben, ohne dass die Welt untergeht.
Manchmal bedeutet echte Intimität einfach, sich nackt im Arm zu halten, sich dem Moment hinzugeben und spürbar willkommen zu sein. Denn erst wenn die Mechanik endet, hat der echte Sex den Raum, zu beginnen.
Es ist nicht einfach, diesen neuen Erfahrungen eine Chance zu geben. Es war auch für mich ein grosser Challenge, das mal auszuprobieren. Auch, weil ich keinen wirklichen Sinn darin sah.
Was ich dabei gewann? Das wirkliche genährt sein durch Nähe, Verbindung und Körperlichkeit. Die Erkenntnis, dass verbundene Sexualität uns etwas sehr wichtiges im Leben gibt: Genährt sein. Ja, Sexualität ist nicht nur Instrument zur Befriedigung, Fortpflanzung oder Liebesbeweis. Sie ist auch wichtige, tiefe Nahrung für Körper und Seele. Befriedigung wächst dadurch über sich selbst hinaus und wird zu Frieden mit sich selbst, der Welt und dem Menschen mit dem du verbunden bist.
Interessanter Beitrag, denn auch bei persönlichen Themen spielt der Umgang mit Erwartungen und Druck eine große Rolle. Wie bei Geldfragen geht es oft darum, ein gesundes Gleichgewicht zu finden und sich nicht von äußeren Vorstellungen bestimmen zu lassen. Bewusster Umgang mit den eigenen Ressourcen – egal ob Zeit, Energie oder Finanzen – macht vieles leichter. In meiner Freizeit entdecke ich auch gerne neue Seiten wie https://slots-dj.ch/.
Lieber Roger, ich würde gern noch ergänzen, dass Erektionsprobleme nicht nur aus zu wenig Bindung resultieren, sondern ebenso aus sehr guter Bindung. Dann ist der Partner ein Resonanzraum der Frau und kann sie nicht mehr penetrieren, weil darunter ein (manchmal noch unaufgedecktes) Missbrauchsthema von ihr liegt, und er unbewusst nicht zum Täter werden will.. dann taucht die Erektionsschwierigkeit also aufgrund der zunehmenden Nähe zueinander auf, nicht wie von Dir sehr nachvollziehbar und vermutlich auch noch viel häufiger vorkommend, aus einem Mangel an echter Bindung.
💝
Danke für diese schönen Worte. Je mehr wir in unserem Körper ankommen, desto tiefer können wir fühlen, empfangen und schenken. Wahre Nähe beginnt dort, wo wir einfach da sind.🦋